Die Friedliche Revolution in Leipzig

Chronik der Friedlichen Revolution

Die Friedliche Revolution begann in Leipzig. Hier entdeckten die Bürger der DDR ihre Stimme, fanden den Mut auf die Straße zu gehen und sich der Gewalt der Staates friedlich zu widersetzen. Der Funke sprang auf die gesamte Republik über.
Grimmaische Straße
Die Grimmaische Straße im Jahr 1989 und heute

Vorangegangen...

Ausreisen und Massenfluchten

In den Achtziger Jahren verlassen immer mehr Menschen die DDR. Allein im Jahr 1989 reisen bis zum Fall der Berliner Mauer 102.000 DDR-Bürger aus. Auch versuchen immer Menschen, das Land illegal zu verlassen. Im Jahr 1988 erreicht ihre Zahl einen Höchststand: 10.767 Menschen versuchen in diesem Jahr ohne Erlaubnis über die Grenze zu kommen. Gründe für das Verlassen des Landes gibt es viele: Sei es, dass man Widerstand gegen das Regime leistet, den Pflichtdienst in der Armee ablehnt oder sich bessere wirtschaftliche Verhältnisse wünscht.

Friedensgebete

Die Nikolaikirche: Für viele Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution.

Ab September 1982 finden in der Nikolaikirche in Leipzig regelmäßig am Montag die Friedensgebete statt. Sie werden von Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen organisiert. Darunter sind Gruppen wie die "AK Gerechtigkeit", die "AG Menschenrechte" und die "AG Umweltschutz". Die Leipziger Kirchen bieten Oppositionellen und Ausreisewilligen innerhalb von Gottesdiensten und Andachten Raum für Kommunikation, den sie sonst aufgrund der restriktiven Gesetze zu Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht haben.

Aufgedeckter Wahlbetrug

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Wahlen in der DDR gefälscht werden. Am 7. Mai 1989 gelingt es erstmals Leipziger Bürgern, die Fälschung der Kommunalwahl nachzuweisen. Das führt dazu, dass die Friedensgebete und oppositionelle Gruppen einen größeren Zulauf verzeichnen.

Chronik der Friedlichen Revolution in Leipzig

4. September 1989

Fleischergasse
Die ehemalige Zentrale der Staatssicherheit in der Fleischergasse.

Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche findet auf dem Nikolaikirchhof eine Kundgebung statt: die erste Montagsdemonstration. Etwa 1.000 Demonstranten fordern ihre Bürgerrechte ein. Viele unter ihnen sind Ausreisewillige. Sie rufen "Wir wollen raus!". Darauf reagieren Andere mit dem Ruf "Wir bleiben hier!". Einige Demonstranten haben Transparente mitgebracht. Darauf stehen Aufschriften wie "Für ein freies Land mit freien Menschen." Es dauert nur wenige Minuten, dann werden sie ihnen von Mitarbeitern der Staatssicherheit aus der Hand gerissen. Da sind zum ersten Mal "Stasi-raus"-Rufe zu hören. Das alles geschieht vor den Augen und Kameras westdeutscher Journalisten.

11. September 1989

Wieder treffen sich Menschen zum Friedensgebet in der Nikolaikirche. Doch diesmal verhindert die Polizei die Demonstration. Sie sperrt den Nikolaikirchhof ab und nimmt 89 Menschen fest. Den Festgenommenen drohen Geldstrafen von bis zu 5000 Mark.

18. September 1989

Bei der Montagsdemonstration nimmt die Polizei über 100 Demonstranten fest.

24. September 1989

In Leipzig kommen die Vetreter oppositioneller Gruppen zusammen. Vertreten sind das "Neue Forum", der "Demokratische Aufbruch" und "Demokratie Jetzt!".

25. September 1989

Augustusplatz
Über den Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) führte die Demonstration am 25. September.

Beim Friedensgebet predigt Christoph Wonneberger:

"Wer andere willkürlich der Freiheit beraubt, hat selbst keine Fluchtwege mehr."

Bei der darauffolgenden Montagsdemonstration nehmen über 5000 Menschen teil. Sie ziehen in Richtung Hauptbahnhof. Dabei singen sie "We shall overcome", rufen "Freiheit" oder "Neues Forum zulassen". Unter den Demonstranten sind Ausreisewillige mittlerweile zur Minderheit geworden.

29. September 1989

Die Leipziger Volkszeitung beginnt eine Leserbriefkampagne gegen die Besucher der Friedensgebete und die Demonstranten der Montagsdemonstrationen.

2. Oktober 1989

Etwa 20.000 Menschen kommen zur Demonstration. Sie ziehen um den Ring bis zur Thomaskirche. Dabei durchbrechen sie eine Polizeikette. Danach geht die Polizei mit Hunden und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor. Es gibt einige Verletzte. Erstmals skandieren die Demonstranten "Wir sind das Volk!" und richten sich dabei gegen die Polizei.

3. Oktober 1989

Die Bezirkseinsatzleitung für Leipzig tagt. Sie beschließt, gegen die Demonstranten mit Armee-Einheiten vorzugehen und diesen Einsatz vorzubereiten.

Legida will in der Innenstadt demonstrieren, auch vor der Thomaskirche
Der Thomaskirchhof.

6. Oktober 1989

Die Leipziger Volkszeitung veröffentlicht einen Leserbrief eines Kommandeurs der Kampftruppen. Er schreibt darin:

"Wir sind bereit und willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!“

7. Oktober 1989

Der 40. Jahrestag der Gründung der DDR. In der Leipziger Innenstadt versuchen verschieden Gruppen zu demonstrieren. Doch die Sicherheitskräfte gehen brutal gegen die Demonstranten vor. Sie setzen Wasserwerfer und Hunde ein. Fast zweihundert Personen werden festgenommen.

9. Oktober 1989

Eingang Runde Ecke, Zentrale der Staatsssicherheit
Heute ist es das Museum in der Runden Ecke, früher war es die Zentrale der Staatssicherheit.

Der "Tag der Entscheidung": 8.000 Polizisten, Kampftruppenmitglieder und NVA-Soldaten stehen bereit. In den Krankenhäusern werden Blutkonserven aufgestockt und das medizinische Personal zu Spät- und Nachtschicht verpflichtet. In fünf Leipziger Kirchen finden Friedensgebete statt. Kurz vor dem Ende des Friedensgebetes in der Nikolaikirche tritt der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur vor die Zuhörer. Er verliest einen Aufruf, den er selbst, der Kabarettist Bernd Lutz Lange, der Theologe Bernd Zimmermann sowie drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung, die sogenannten "Leipziger Sechs", verfasst haben:

"Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird."

Ab 18 Uhr sendet der Leipziger Stadtfunk den Aufruf. Am Abend demonstrieren 70.000 Menschen auf dem Ring. Es ist die bislang größte Montagsdemonstration. Sie verläuft friedlich.

13. Oktober 1989 

Kirchliche Gruppen treffen sich zum Gespräch mit dem Rat des Bezirkes Leipzig. 

16. Oktober 1989 

Bei der Montagsdemonstration kommen über 100.000 zusammen.

17. Oktober 1989

Der Leipziger Oberbürgermeister Bernd Seidel trifft sich mit Vertretern der Kirche. Er verfolgt das Ziel, die Montagsdemonstrationen einzustellen.

23. Oktober 1989

Bei der Montagsdemonstration hat sich die Zahl der Demonstranten mindestens verdoppelt. Die Angaben schwanken zwischen 200.000 und 300.000.

30. Oktober 1989

Ungefähr 300.000 Menschen kommen bei der Montagsdemonstration zusammen.

6. November 1989

Die größte Leipziger Montagsdemonstration findet statt. Die Schätzungen belaufen sich auf  300.000 bis 400.000 Teilnehmer, die aus der gesamten DDR angereist sind.

9. November 1989

Gottschedstraße
Durch die Gottschedstraße führte am 9. November 1989 der Schweigemarsch zum Gedenken an die Progromnacht

Ostberlin: Günther Schabowski erklärt, dass DDR-Bürger ab sofort ausreisen können. Zehntausende strömen über die Grenzübergänge nach Westdeutschland. Nach der Grenzöffnung nimmt die Zahl der Teilnehmer der Leipziger Montagsdemonstrationen deutlich ab.

Leipzig: Durch die Gottschedstraße marschieren schweigend zehntausende Menschen. Sie gedenken der Reichsprogromnacht. Die Erinnerung an den Holocaust war ein fester Bestandteil der oppositionellen Bewegung, teilweise gegen den Widerstand der SED. Der Schweigemarsch am 9. November ist die erste genehmigte nicht-staatliche Demonstration in Leipzig.

Auswirkungen und Folgen der Ereignisse in Leipzig 

Eingang Neues Rathaus
Auf dem Weg zur Wiedervereinigung: Ab dem 3. Januar 1990 finden im Neuen Rathaus Gespräche zwischen oppositionellen Gruppen, SED und Altparteien statt.

Heute gilt Leipzig als Geburtsstadt der Friedlichen Revolution. Die Montagsdemonatrationen regten Bürger in anderen Städten der DDR dazu an, ebenfalls auf die Straße zu gehen. Besonders der Demonstration am 9. Oktober wird heute eine große Bedeutung beigemessen. Dass der Staat nicht gewaltsam eingriff, wurde als ein Einknicken der SED gewertet. Die größte nicht-staatliche Demonstration der DDR-Geschichte gab es am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz. Dort kamen über 500.000 Menschen zusammen, um sich gegen die Stasi und für Versammlungs- und Meinungsfreiheit einzusetzen. Die Unruhen im Land waren nicht mehr zu leugnen. Die SED reagierte zunächst mit einschränkenden Maßnahmen. Sie versuchte die Massenausreisewelle zu stoppen, indem sie am 3. Oktober faktisch ihre Grenzen schloss. Doch am 18. Oktober setzte das Politbüro überraschend Erich Honecker ab. Im November trat es dann ganz zurück, ebenso der DDR-Ministerrat. Am 9. November fällt die Berliner Mauer. Das Datum leitet die Wiedervereinigung Deutschlands ein. Sie ist mit dem Beitritt der DDR zur BRD am 3. Oktober 1990 abgeschlossen.

 

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