Catcalls of Leipzig

Chalk Back: Belästigung ankreiden

Blicke, Pfeifen, sexistische Äußerungen und Gesten. Laut einer französischen Studie wurden 43% der in Deutschland lebenden Frauen mindestens einmal im Laufe ihres Lebens mit einer solchen Situation konfrontiert. Catcalls Leipzig kreidet Vorfälle an.
Symbolbild

Aktivismus gegen Catcalls 

Catcalls of Leipzig ist eine Ortsgruppe der internationalen Chalk Back Bewegung, welche das Ziel hat, auf Geschlechtern basierende Belästigung zu beenden. Die Zahlen der französischen Studie zeigen: auf der Straße belästigt zu werden, gehört in der Lebensrealität von Frauen dazu. Die Studie befragte Frauen in verschiedenen europäischen Ländern und den USA zu ihren Erfahrungen mit Belästigung in der Öffentlichkeit. In Deutschland gaben 56% der Befragten an, dass sie im Laufe ihres Leben schon einmal trotz mangelnder Zustimmung beharrlich angesprochen wurden, 61% befanden sich in Situationen, wo sie respektlosen Blicken ausgesetzt waren und 67% wurden schon einmal nachgepfiffen.
All dies sind Aspekte des sogenannten Catcalls: einem lauten, sexuell anzüglichen Ruf oder Kommentar, der öffentlich an jemanden gerichtet ist. Catcalling ist kein Kompliment, denn es demonstriert in aller erster Linie Macht. Betroffene befinden sich dann in einem Stadium der Ohnmacht, denn meistens kann man in diesem Moment nicht viel mehr machen, als es zu ignorieren und schnell das Weite zu suchen. 

"Frauen werden damit meistens objektifiziert oder diskriminiert. (...) Das kann tatsächlich sehr tiefgreifende Folgen haben. Der Alltag von sehr vielen Personen ist davon geprägt: Personen überlegen sich z.B. ziehe ich dieses kurze Kleid heute an oder nicht, weil ich möchte diese Erfahrung nicht erleben." 

Kira, Aktivistin bei Catcalls of Leipzig

Drei Leipzigerinnen geben betroffenen Personen mit dem Instagramaccount catcallsoflpz nun einen sicheren Handlungsrahmen. Frauen schildern ihre Erlebnisse per Mail oder Instagram-Chat und die Aktivistinnen gehen zu dem besagten Ort und schreiben den Catcall in Wortlaut mit Kreide auf der Straße nieder. Darunter wird der Hashtag #stopptbelästigung und ein @catcallsoflpz gesetzt. Anschließend machen sie ein Foto davon und posten es zusammen mit der Nachricht der betroffenen Person auf Instagram, natürlich anonymisiert.

Ankreidung eines Vorfalls in Leipzig

Schnell wird klar, dass es sich bei all dem nicht um Einzelfälle handelt und das Problem struktureller Natur ist. Diese Erkenntnis hilft auch Betroffenen, die sich mit ihrer Erfahrung nicht mehr alleine fühlen. Oftmals bedanken sie sich auch und berichten, dass dieser Schritt an die Öffentlichkeit, auch wenn er anonym ist, hilft das Erlebte zu verarbeiten, so Kira. Die Thematik wird bewusst in die Öffentlichkeit gebracht, damit sich ein Diskurs entwickelt und Catcalls nicht mehr normalisiert, sondern endlich tabuisiert werden.

"Und am allerwichtigsten ist dieses Thema der Allgegenwärtigkeit. Es passiert tagsüber, es passiert in der Nacht, es passiert an den verschiedensten Orten und geht von verschiedensten Personengruppen aus."

Kira, Aktivistin bei Catcalls of Leipzig

Die Leipziger Ortsgruppe versteht sich als intersektional und queer. Es geht also nicht nur um rein sexistische Übergriffe, sondern auch um andere Diskirminierungserfahrungen wie z.B. rassistischer Sexismus oder LGBTQ+ Feindlichkeit. Man hat ein Bewusstsein dafür, dass es eine gewisse Gleichzeitigkeit oder Überschneidung in den Diskriminierungskategorien gibt. Auch anderen Vorfällen, die über einen Catcall hinausgehen, wird sich angenommen. 

Die Chalk Back Bewegung

Diese Form des Aktivismus, etwas auf der Straße anzukreiden und danach in sozialen Netzwerken zu posten, stammt aus New York und wurde dort von Sophie Sandberg ins Leben gerufen. Mittlerweile zählt die Bewegung mehr als 150 Aktivist*innen auf 6 Kontinenten, in 49 Ländern und 150 Städten. Es ist eine Jugendbewegung, denn laut der offiziellen Seite sind 88% unter 25 Jahren alt. Über das Ankreiden hinaus möchte die Initiative in New York zu dem Thema weiterbilden sowohl online als auch auf Veranstaltungen oder mittels Workshops. 
Auch Catcalls of Leipzig sind mit anderen Ortsgruppen vernetzt. Man tauscht sich via Telefonkonferenzen oder in Chatgruppen aus, vor allem eben mit anderen Gruppen in Deutschland. Man bespricht dann gemeinsame Erfahrungen, aber auch zukünftige Vorhaben, so Kira. Die Bewegung schafft ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit und weist darüber hinaus Täter*innen auf ihr Fehlverhalten hin und animiert dazu Belästigung zukünftig lautstark zu dem Tabu zu machen, was es eigentlich ist. 

 

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Larissa Madlen Uth
07.09.2020 - 12:51