Konzertbericht

Bye Bye, Mikroboy!

"Springt man jetzt ab oder hält man sich fest?" - so oder ähnlich könnte der innere Konflikt der Mikroboy Fans am 26.05. in der MB geklungen haben. Die Band trat nämlich im Rahmen ihrer Abschiedstour auf und niemand wollte wahrhaben, dass es endet.
Mikroboy auf der Bühne
Mikroboy live in der Moritzbastei

Erwartungen

Vor ziemlich genau sieben Jahren war ich auf einem Konzert der Band "The Get Up Kids". Die sind damals mit zwei Vorbands aufgetreten, und ich habe leider von der ersten nur zwei Songs gehört, da ich sehr spät dran war. Das ist im Normalfall auch nicht weiter tragisch, denn mal ehrlich, wie oft kommt es vor, dass man sich noch an die Vorband erinnert? Aber wie es so schön heißt: Ausnahmen bestätigen die Regel und so eben auch Mikroboy. Nach dem Konzert war es nämlich genau diese Band, die mich mit ihren zwei Songs so überzeugen konnte, dass ich inzwischen sagen kann, sie heute zum siebten Mal live zu sehen. Man ahnt also schon - ich bin etwas voreingenommen in meiner Erwartung an den Abend. So wie ich das bisher kenne, kann das Publikum meistens ganz gut mitsingen und zwischen den Songs bekomme ich von der Band immer mal eine kleine Anekdote oder Kommentare zu den Lyrics erzählt. Diesmal ist aber natürlich auch die Erwartung eine ganz andere und neue - es ist ja "das letzte Mal". Also für mich zumindest, die Band hat in den nächsten Tagen noch ein paar Shows vor sich. Es MUSS also eigentlich nochmal alles übertreffen. Trotz der vielen Konzerte habe ich auch immernoch einen Wunschsong, auf den ich hoffe: Anakin. Der Song, durch den ich endgültig von der Band überzeugt war. Da ich aber schon weiß, dass es den nicht geben wird, hätte ich gerne Leicht, Schnee und Neue Zeiten.

Erster Eindruck

Um Punkt acht Uhr geht es mit der Vorband "Kaja Ky", einer sympathischen Singer-Songerwriterin, los. Das Publikum ist erstmal noch ziemlich laut, aber im Laufe ihres Auftritts wird es besser. Einige lassen sich sogar von Kaja Kys Aufruf zum Mitsingen hinreißen. Dennoch ist der atmosphärische Unterschied zu Beginn des Mikroboy Sets deutlich zu spüren. Es ist inzwischen ziemlich voll geworden und alle warten gebannt auf die Band, während die Melodie von "Alles was du brauchst" läuft. Die Band lässt ein wenig auf sich warten, aber sobald sie die Bühne betreten ist es, als wäre es nie fünf Jahre still um sie gewesen. Das Publikum ist teilweise noch etwas verhalten, doch wo man hinschaut sieht man bereits Leute mitsingen und einige beginnen sofort zu Tanzen oder zu Headbangen. Schon während der ersten Songs fällt auf, was so unglaublich besonders an Mikroboy ist: die Texte behandeln traurige, schwierige, und vor allem sehr emotionale Themen; die Songs sind aber so geschrieben, dass sie einen zum Tanzen und Mitsingen einladen. Eine Ambivalenz, die live noch so viel deutlicher erscheint als auf CD.

Mikroboy live in der MB
 

Musik

Ein herber Verlust, wenn man sich entscheidet zu gehn, statt für immer zu bleiben

Das Set ist vor allem eine Mischung aus Songs der letzten beiden Alben. Von "Leicht" werden nur zwei Songs nicht gespielt, und auch von "Eine Frage der Zeit" ist sogut wie jedes Lied dabei. Dafür spielt die Band nur sehr wenige ihrer alten Songs. Das stört aber nicht, denn die Songs wirken so sehr passend und das Set gut abgestimmt. Das Konzert ist, ähnlich dem neuen Album, überwiegend rockig. Die elektronischen Einflüsse, die Mikroboy vor allem auf frühen Werken viel verwendeten, sind nicht mehr wirklich vertreten. Zu einigen Songs gibt es thematische Erklärungen, so zum Beispiel zu "Aufstehen und Weitergehen", der beschrieben wird als 

der Song mit dem alles angefangen hat

Wie bereits erwähnt, zeichnet die Band vor allem aus, dass ihre Songs sehr viel bewegter und stimmungsvoller sind, als man bei den Themen vermuten könnte, die dort verarbeitet werden. Dennoch kommen auch Fans der langsameren Lieder bei "Du- oder ich- oder wir alle" oder "Angekommen" auf ihre Kosten. 

Insgesamt wirkt das Publikum mit der Song-Auswahl sehr zufrieden. Es gibt eigentlich keine Rufe nach speziellen Songs und bei jedem Song der anklingt wird sofort ordentlich geklatscht. 

Show

Nach "Trümmer" erzählt Sänger Michi davon, dass er jeden Abend die Wahl zwischen Wasser- und Bierflaschen hat, die für ihn bereit stehen. Und jeden Abend fällt die Entscheidung auf's Bier. Einige Songs später betont er, dass Saufen nicht propagiert werden sollte und man Bier "bewusst genießen" sollte. Dem Kommentar schwingt eine Gewisse Ironie mit. Auch sonst ist die Stimmung zunächst fröhlich und die Kommentare der Band beschränken sich auf die gerade beschriebenen Aussagen. Doch mit jedem Song könnte man sagen, dass die Stimmung "kippt". Die Band ist nämlich zunehmend gerührt von dem textsicheren und begeisterten Publikum. Michi betont, wie besonders es ist, dass soviele Menschen auch nach fünf Jahren Pause noch zu den Bands kommen und zeigen, wieviel ihnen die Musik bedeutet - und das merkt man auch im Publikum. Die Atmosphäre wird immer familiärer, aber auch emotionaler, denn so gerührt wie die Band offensichtlich ist, scheinen auch einige Fans in der Menge. Es wirkt so, als wäre wirklich jeder der Anwesenden gekommen, um die Musik noch mal erleben zu können, und um Abschied zu nehmen. Das Klatschen und Jubeln wird immer länger und ausgiebiger, sowohl vor, als auch nach den Songs. Während der Zugaben wünscht sich der Sänger der Band sogar

Ich wünschte meine Mama könnte das sehn

 

Zurecht, denn so oft erlebt man es dann auch nicht, dass das gesamte Publikum nach den Zugaben noch weitere 10 Minuten stehen bleibt, klatscht und ruft - solange bis die Band ein zweites Mal auf die Bühne kommt, sich noch mal verbeugt und verabschiedet.

Fazit

Weil sich Geschichten immer weiter schreiben - weil Menschen nicht für immer bleiben

 

Okay, es ist also "das letzte Mal" gewesen. Die Erwartung, die ich hatte, dass es alles übertreffen müsste, war irgendwie Unsinn, denn man verbindet ja mit jedem Konzert auch immer wieder anderes. Aber in Erinnerung bleiben wird der Abend definitiv. Und das nicht nur, weil immerhin 2/3 meiner Wunschsongs gespielt wurden. Vor allem bleibt der Eindruck, wie gerührt und bewegt die Band war. Außerdem sind Mikroboy auch einfach eine wirklich gute Live-Band, und neben traurigen Abschiedsszenen hat das Konzert in erster Linie einfach sehr viel Spaß gemacht.

Die Band umarmt sich
 
 

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 Setliste:

 1. Alles was du brauchst (Instrumental)

 2. Solange du hier nicht raus kannst

 3. Rückschritt gleich Fortschritt

 4. Trümmer

 5. Solang der Mut den Zweifel schlägt

 6. Aufstehen und Weitergehen

 7. Vom Leben und Verstehen

 8. Herzen aus Holz

 9. Alles Verstanden

10. Bleib mit mir wach

11. Du- oder ich- oder wir alle

12. Leicht

13. Es hat sich einiges getan

14. Lass mich irgendwas sein

15. Herbst

16. Schnee

17. Atmen und Aushalten

Zugaben:

 1. Immer aus der Suche

 2. Niemals Bereit

 3. Angekommen