CD der Woche

Bunte Welt

In Zeiten von AfD und Pegida bringt das Label Unter Schafen Records den Sampler „Kein Mensch ist illegal“ heraus. Mit 36 Liedern von 36 Künstlern bietet dieser einen bunten Überblick über die deutsche Musiklandschaft.
Kein Mensch ist illegal
Die politische Message sticht auf dem Cover stark heraus.

Politisch gesehen war 2015 in Deutschland schon einiges los. Demonstrationen und Gegendemonstrationen dominieren in Städten wie Dresden und Leipzig jeden Montag die Nachrichten. Auch Musiker beteiligen sich immer wieder daran. Man denke zum Beispiel an die Antilopen Gang, die in Freital die Gegendemonstration unterstützte, in dem sie ein Konzert für Flüchtlinge spielten. Außerdem gab es große Solidaritätskonzerte in Wien und München, bei denen mehrere Zehntausend Menschen zu Acts wie den Toten Hosen, Bilderbuch  oder auch Herbert Grönemeyer tanzten. Seit Ende Oktober gibt es den Gegenprotest jetzt auch gesammelt auf einer Doppel-CD, die vom Label Unter Schafen Records zusammengestellt wurde. „Kein Mensch ist illegal“ – die Message steckt bereits im Namen. 36 interessante deutsch-sprachige Künstler haben sich beteiligt und spenden alle Einnahmen an die Organisationen „Pro Asyl“ und „Kein Mensch Ist Illegal“.

Klare Ansage

Ein Blick auf die Tracklist lässt einen reichlich Bekanntes erkennen. Alte Helden wie Ton Steine Scherben und Herbert Grönemeyer – die jeweils die einzelnen Scheiben beenden – treffen auf Newcomer wie OK Kid oder AnnenMayKantereit. Wer eine Deutschpunk-Compilation erwartet hat, der hat sich getäuscht. Stattdessen kann „Kein Mensch ist illegal“ mit einer abwechslungsreichen, bunten Playlist überzeugen. Bei der Zusammenstellung hat der Bekanntheitsgrad der einzelnen Künstler wohl kaum eine Rolle gespielt. So eröffnet die sehr junge, aufstrebende Berliner Band Isolation Berlin die gut zwei Stunden Musik. Und das zurecht. „Alles Grau“ ist ein absolutes Highlight, das sowohl Lust auf den Sampler als auch auf das 2016 erscheinende Debütalbum von Isolation Berlin macht. Ähnlich wie Tocotronic oder Rio Reiser singt Sänger Tobi Zeilen wie „Der Wahnsinn hält mich warm“. Ein sehr guter Anfang, der von der Farin Urlaub B-Seite „Welche Krise?“ komplettiert wird. Es folgen Kraftklub mit ihrem wohl besten Song „Schüsse in die Luft“. Felix Brummer singt mit kritischem Unterton „Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nichts kannst. Dann sei doch einfach stolz auf dein Land“ und gibt damit die klare politische Marschrichtung der Compilation vor. Der Titel „Kein Mensch ist illegal“ wird auch in den Texten der Musik verkörpert.

 

Die erste CD lässt Highligt auf Highlight folgen. Einer der wenigen guten Madsen-Songs der letzten Jahre – „Sirenen“ -, der Turbostaat Hit „Tut Es Doch Weh“ oder einer der meist besprochenen Songs des Jahres: „Dann Ohne Mich“ von den Donots. Casper und OK Kid sorgen danach für ein bisschen Hip-Hop inzwischen der ganzen elektrischen Gitarren. Was das betrifft, ist die zweite CD etwas weniger direkt aber dafür abwechslungsreicher. Nach einem ruhigen Akustik-Gitarren-Einstieg mit den Durchstartern AnnenMayKantereit und dem ehemaligen Nationalgalerie-Sänger Niels Frevert nimmt erst die letzte Frittenbude Single gemächlich Fahrt auf. CD 2 steht eher im Zeichen von Acts wie Deichkind, Jan Delay oder Marteria, der mit „Welt der Wunder“ für ein Highlight sorgt. Doch ab der Hälfte der CD werden auch hier wieder eher die Gitarren ausgepackt. Vor allem „Zeitmaschinen“ von der mehr oder weniger aufgelösten Niedersachsener Band Schrottgrenze kann hier überzeugen.

Gelungene Abwechslung

Mit Compilations ist das ja immer wieder so eine Sache. Einerseits lernt man ständig neue Acts kennen. Auf der anderen Seite kann man bei zwei CDs mit Musik unterschiedlicher Genres auch nicht jedes Lied mögen. „100.000 Stühle leer“ von der Postpunk-Band Love A ist zum Beispiel einer dieser großen Entdeckungen. Zu schönen, melancholischen Gitarrenklängen bringt Sänger Jörkk Mechenbier einen großartigen Text übers Aufstehen für andere Menschen. Auf der zweiten CD bleibt der coole Track „Das Beste ist noch nicht vorbei“ von Fiva hängen. Leichter, lockerer Hip-Hop mit einer Frauenstimme. Große Negativ-Ausschläge sucht man auf „Kein Mensch Ist Illegal“ aber vergebens. Natürlich gibt es einige Songs, die dem punkrock-abgeneigten Hörer eventuell zu sperrig sind („1984“ von Astairre). Eigentlich gewinnt „Kein Mensch Ist Illegal“ aber gerade dadurch seinen Charme. Hier treffen eben sperrige Songs auf Pop-Nummern wie „Hinterland“ von Casper oder „Welt der Wunder“ von Marteria. Sie stehen aber nebeneinander - und zwar gemeinsam für eine Sache.

Fazit

Schon für die Musik müsste man dem „Kein Mensch ist illegal“-Sampler eine Bestnote geben. Er bietet einen bunten und aufregenden Querschnitt durch die deutsch-sprachige Musikszene, in der etablierte Künstler neben Newcomern und sogar Bands ohne Album wie Isolation Berlin stehen. Zudem versammelt er starke Songs mit starker Message wie „Dann ohne mich“, „Schüsse in die Luft“ und „Tut es doch weh“. Und dann gibt es ja nicht nur die Musik, die in den zwei CDs steckt. Auch das gesamte Konzept verdient größten Respekt. Es zeigt, wie schön es sein kann, für einen guten Zweck zu spenden. Dank 36 uneigennützigen Künstlern bekommt man mit diesem Sampler abwechslungsreiche Musik ohne Qualitätsabstriche und spendet zugleich für einen guten Zweck.

 

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Various Artists: Kein Mensch ist illegal

Tracklist:

CD 1
01. Isolation Berlin – Alles Grau*
02. Farin Urlaub – Welche Krise?
03. Kraftklub – Schüsse in die Luft
04. K.I.Z. – Hurra die Welt geht unter (feat. Henning May)
05. Love A – 100.000 Stühle leer*
06. Madsen – Sirenen
07. Thees Uhlmann – Im Sommer nach dem Krieg
08. Turbostaat – Tut es doch weh*
09. Vierkanttretlager – Krieg & Krieg
10. Donots – Dann ohne mich*
11. Casper – Hinterland
12. OK Kid – Stadt ohne Meer
13. Mikrokosmos23 – Reisegäste
14. Findus – Hafenklang
15. Astairre – 1984
16. Von Brücken – Blendgranaten
17. Trümmer – Wo ist die Euphorie?
18. Ton Steine Scherben – Durch die Wüste

CD2
01. AnnenMayKantereit – Jeden Morgen
02. Niels Frevert – Das mit dem Glücklichsein ist relativ
03. Marcus Wiebusch – Jede Zeit hat ihre Pest
04. Frittenbude – Die Möglichkeit eines Lamas
05. Marteria – Welt der Wunder*
06. Jan Delay – Sie kann nicht tanzen
07. Tocotronic – Prolog
08. Boxhamsters – Erdstern
09. Fiva – Das Beste ist noch nicht vorbei*
10. Deichkind – Denken Sie groß
11. U3000 – Ihr habt uns belogen
12. Schrottgrenze – Zeitmaschinen
13. Pascow – Zeit des Erwachens
14. Kante – Morgensonne
15. Gloria – Schwaches Gift
16. Der Ringer – Kind unserer Zeit
17. Die Goldenen Zitronen – Flimmern
18. Herbert Grönemeyer – Feuerlicht

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 23.10.2015
Unter Schafen Records