Gespräche auf dem Roten Sofa

Buddenbrooks auf Persisch

Der Debütroman von Shida Bazyar, "Nachts ist es leise in Teheran", erzählt von einer iranisch-deutschen Familie. Fünf Familienmitglieder, drei Jahrzehnte - alles beginnt mit der iranischen Revolution 1979.
Shida Bazyar
Shida Bazyar zu Gast auf unserem Roten Sofa

Man könnte es die Buddenbrooks aus dem Iran nennen. Eine Familiengeschichte, über drei Jahrzehnte erzählt. 1979, mitten in der iranischen Revolution, setzt Shida Bazyars Debütroman "Nachts ist es leise in Teheran" an. Noch ist es keine Familiengeschichte, noch ist es nur der kämpferische Student Behsad, der für den Kommunismus auf die Straße geht. Aber der Kommunismus kommt nicht, stattdessen kommt das streng islamische Regime vom Ayatollah Khomeini an die Macht. Das Buch hat eine besondere Struktur: Es gibt vier Kapitel, die alle zehn Jahre ansetzen und jeweils aus einer anderen Ich-Perspektive geschrieben sind. Behsad, der junge Revolutionär, ist anfangs noch voller Hoffnung, dass sich etwas ändert.

Was bleibt, sind die Tumulte auf den Straßen, immer noch euphorisch, aber jede Woche weniger euphorisierend. Was bleibt, sind die Sitzungen unserer Bewegung, die Pläne, die Pamphlete, die Lerneinheiten, die Guerillaübungen. Waren sie mal geheim, werden sie nun immer öffentlicher, werden wir immer siegessicherer, mal nachdenklicher, mal radikaler, aber immer mit dem Blick auf jene, die sich auch Revolutionäre nennen und Gläubige sind. Wo die wirkliche Revolution doch noch kommt, die Revolution des Volkes in den Institutionen, wo doch alles, was bis jetzt passiert ist, nur der erste Schritt war. Lang lebe der Sozialismus, lang lebe unsere Heimat, unsere Perle, unser Iran!

Er lernt die belesene Nahid kennen - auch sie geht für ihre Überzeugungen auf die Straße. Behsad beobachtet sie mehr, als dass er tatsächlich Kontakt zu ihr aufnimmt. Eine Beziehung bahnt sich noch nicht an. Zehn Jahre später: Nahids Perspektive nimmt das zweite Kapitel ein, jetzt ist es 1989 und das bereits verheiratete Paar ist mit seinen zwei Kindern nach Deutschland geflohen. Nahids und Behsads Leben im Exil wird davon bestimmt, was nicht mehr ist. Nicht mehr Iran, nicht mehr Revolution, nicht mehr Lebensgefahr. Dafür eine Freundin namens Ulla, deren Engagement so nichtig erscheint. Nahid stellt sich sofort vor, wie ihre iranischen Freundinnen sie auslachen würden, erzählte sie ihnen von Ullas Frauengruppe, die sich nach Tschernobyl für saubere Luft und gesundes Gemüse einsetzt. Nahid lebt also weiter in ihren Wünschen – wie alles hätte laufen sollen.

Von da an beginnt das schöne Leben von Behsad und Nahid in Europa, die dort wachsen und studieren und voller Bildung und voller Ideen zurückkehren, um die Revolution fortzuführen, um in Iran dann Kinder zu kriegen und ihnen alles beizubringen, was man in Europa lernt. Wir sind in meinem Film stark nebeneinander, keiner schwach, keiner traurig, zwei starke, kluge Revolutionäre im zwanzigsten Jahrhundert.

Der Autorin Bazyar gelingt es, jedem Familienmitglied eine individuelle Stimme zu geben. So ist Nahids Stimme skeptischer, bedachter als die ihres Mannes zehn Jahre früher. Und man hört ihr das Alter an, die Flucht, die Angst. Ganz anders klingen die Stimmen ihrer Kinder, Laleh und Morad. Laleh ist 1999 sechzehn. Ihre Eltern, die man bisher als aufgebrachte revolutionäre erlebt hat, sieht der Leser nun aus den Augen einer genervten Tochter. Laleh ist das erste Mal im Land ihrer Eltern. Dort fragt sie sich ständig, was alle diese umarmenden, knutschenden Verwandten von ihr wollen - kann sich nicht so stark mit der Kultur identifizieren, wie es von ihr verlangt wird.

Du bist so schön, wie schön sie ist, wie schön ihr Gesicht, sagen die Frauen und zwinkern Mama zu, reißen mich aus meinen Gedanken. Ich weiß nicht, was man dazu sagt, sagt man, Danke, sagt man, Das stimmt doch alles überhaupt nicht? Nur ich kenne sie nicht, diese Standardsätze. Wo hätte ich sie auch lernen sollen?

Noch etwas weiter weg von einer Identifikation mit der Kultur ist Morad, der Sohn von Behsad und Nahid. 2009 erzählt er von seiner Studienzeit, vom Bildungsstreik. Dabei kommt einem der Begriff "First World problems" in den Sinn - denn gleichzeitig gibt es im Iran blutige Aufstände. Morad vergleicht die Proteste, er hinterfragt. Im Iran gibt es so viel dringendere Probleme als Studiengebühren. Und trotzdem: Morad geht in Deutschland auf die Straße, in einer nur oberflächlich ähnlichen Szene wie der allerersten, der iranischen Revolution 1979. 

Bazyars Debüt reißt an, was Flucht heißt, was Migration bedeutet, wie sehr das Heimatland der Eltern die Kinder prägt. Allen Charakteren gibt sie einen drängenden, dominanten Stil. Jeden Charakter älter werden zu sehen, aus den Augen seiner Geschwister, Eltern oder Ehefrau wahrzunehmen, gibt ihm Facetten und tiefe. Und so deutsch-sozialisiert Morad, Laleh und die jüngste Tochter Tara sind, so entfernt sich doch keines der Familienmitglieder wirklich von Iran, von der Hoffnung, dass es irgendwann besser wird. Dass sie irgendwann furchtlos zurückkehren können.

Shida Bazyar im Gespräch mit Moderatorin Ina Beyer
Shida Bazyar
 

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Shida Bazyar wurde 1988 in Hermeskeil geboren. Sie hat „Literarisches Schreiben“ in Hildesheim studiert und lebt jetzt in Berlin. „Nachts ist es leise in Teheran“ ist ihr erster Roman.