Gespräche auf dem Roten Sofa

Brauch, Bruch oder beides?

Eine Reise durch den Kosovo liefert dem Autoren Jan Böttcher den kritischen Stoff seiner neuesten Erzählung "Y". Doch der Autor scheint viel mehr darin zu verarbeiten als nur die Reiseeindrücke.
Jan Böttcher im Gespräch
Jan Böttcher (links) spricht mit Redakteur Paul Michaelides über seinen Kosovo-Roman "Y".

Für mich beginnt die Geschichte -

So fängt der Schriftsteller und Vater seine Erzählung an. Er berichtet wie sein Sohn Benji die Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen Leka macht und so beginnt auch für den Leser die Geschichte. Eines Tages verschwindet Leka und Vater und Sohn beginnen ihn zu suchen. Hierbei entdecken sie eine deutsch-kosovarische Beziehungsgeschichte, die Geschichte von Lekas Eltern. Jan Böttcher erzählt sie uns, die Geschichte von einem Deutschen und einer albanischen Kosovarin. Er beginnt da, wo deren gemeinsame Geschichte eigentlich auch schon endet, mit ihrem Sohn Leka.

Zwei Länder, ein Erzähler

"Y" - das sind zwei Länder, ein Europa, Mutter und Vater verschiedener Herkunft, ein Sohn. Es geht zum Einen um Deutschland und Kosovo. Ein Kosovo, das sich noch immer im provisorischen Zustand befindet. Und ein Deutschland, das sich diesen Zustand überhaupt nicht mehr vorstellen kann und unreflektiert, überheblich, teilweise auch ängstlich auf das Fremde schaut. Dies vermittelt der Autor über die verschiedenen Akteure. Zum Anderen geht es in “Y” um den Erzähler und um den Autoren Jan Böttcher selbst. Grundlage für das Buch war Jan Böttchers stipendiumfinanzierte Reise durch den Kosovo. Dort gewann er, wie es scheint, vor allem den kritischen Stoff seiner Erzählung. Die Perspektive des Erzählers fällt in "Y" mit der des schreibenden Jan Böttcher zusammen, wodurch die Geschichte an Authentizität gewinnt. Beim Lesen fällt auf, dass der Erzähler Themen anspricht, die dem Autor Böttcher offensichtlich genauso wichtig sind. Im vorletzten Kapitel sagt der Erzähler über seiner Familie:

Wobei in meiner Familie überhaupt kaum Worte fielen. Wir überlebten auch ohne Worte. Darüber will ich sprechen.

 

Damit scheint er zum Schluss seines Buches zur Sprache zu bringen, warum er "Y" schreibt und was sein Vorhaben ist. Auch wenn er dies noch abschwächt:

Ich sollte dieses Defizit [das Defizit an Fremde] benennen. Und natürlich könnte ich das, was ich über mich zu sagen habe, auch erzählerisch fassen, szenisch, aber ich habe keine Lust, mich zum Schluss groß aufzuspielen. Nur meine Herkunft will ich zur Sprache bringen, meine Familie.

 

Hier, fast am Ende der Erzählung, klingt dann noch einmal deutlich an, worum es Jan Böttcher geht. "Y" erzählt von Generationswechsel und Identitätskampf, von Heimat und Fremde, von Reflexion und scheinbar Selbstverständlichem. Oder wie er es auch formuliert, es geht ihm um den Konflikt zwischen Brauch und Bruch, oder die Möglichkeit von beidem.

Brauch oder Bruch, denke ich, beides geht nicht.

 

Bewertung und Stil

Jan Böttcher schreibt sehr einfach über sehr schwere Themen. "Y" ist sowohl ein Buch für Jugendliche über die Jugend, als auch ein Buch für Erwachsene. Es wirkt als Spiegel, der die eigene Herkunft, Geschichte und Identität vorhält. Auch dem Autor selbst:

Ich war, von heute aus betrachtet, ein Kind, das in der Kindheit und Jugend nicht mit jener Offenheit genährt wurde, die es später in der Fremde brauchte, um überhaupt angstfrei existieren zu können.

Für den vergleichsweise geringen Buchumfang spricht Jan Böttcher sehr viele Aspekte verschiedenster Themen an. Aspekte, die interessant sind und einer tieferen Bearbeitung bedürfen, was aber aufgrund der "nur" 250 Seiten schwer gelingt. Und dennoch regt das Buch zum Nachdenken an. Darüber, was Heimat ist und sein kann, was eine Generation leisten kann und wo ihre Grenzen liegen. Auch zum aktuellen Thema von Flucht aus der Heimat und Ankunft in der Fremde – bzw. Ankunft von Fremden – kann Jan Böttcher mit "Y" etwas beitragen:

[Meine Eltern] kamen mir so vor, als hielten sie diese Bundesrepublik Deutschland für eine im Mai 1945 im Schnellverfahren von deutschen Ingenieuren entwickelte, souverän funktionierende maschinelle Erfindung, für ein System, in welches man den Marshallplan und alle weiteren Wunder bis hin zu den Römischen Verträgen bereits einprogrammiert hatte.

 

Auf dem Roten Sofa

Jan Böttcher kritisiert das Vermächtnis, der Kosovo(-kriegs)-Berichterstattung: "Es war ein Medienkrieg. Es wurden uns nur Kriegsbilder in die Köpfe gesetzt." Was hilft gegen deutsche Ignoranz gegenüber Fremden, ist "Reisen, Reisen und selbst Erfahrungen sammeln" anstatt unausgegorene, vorgebetene Meinungen zu wiederholen.

Redakteur Paul Michaelides im Gespräch mit Jan Böttcher.
Redakteur Paul Michaelides im Gespräch mit Jan Böttcher.
 

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Jan Böttcher, 1973 in Lüneburg geboren. Bevor er mit dem Bücherschreiben anfing, war er Songtexter und Sänger. Lebt in Berlin. Ausgezeichnet mit dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2007.

Jan Böttcher hat seit 2003 vier Romane veröffentlicht: "Nachglühen", "Das Lied vom Tun und Lassen", "Geld oder Leben" und "Lina oder: das kalte Moor". "Y" ist sein fünftes Werk.

"Y", Aufbau Verlag, Berlin, 2016, 250 Seiten. Roman. www.ypsilon-roman.de