DOK 2020

A BLACK JESUS: Tradition und Neuanfang

Luca Lucchesis Dokumentarfilmdebut „A Black Jesus“ feierte auf dem DOK Leipzig 2020 Weltpremiere und behandelt die Ereignisse und Entwicklungen in einem sizilianischen Dorf im Kontext der Flüchtlingsthematik.
A Black Jesus
Dokumentarfilm "A Black Jesus"

Die Sonne geht auf über der Küste Siziliens – Fischer holen ihre Netze ein, wie sie es seit Jahrhunderten Tag für Tag tun. Malerisch erstreckt sich die unendliche Weite des Mittelmeers und die italienische Landschaft um das Dorf Siculiana, imposant eingefangen in Luftaufnahmen. Doch an diesem Ort am Meer, an dem Traditionen noch einen hohen Wert haben, ist nicht mehr alles, wie es einmal war: Geflüchtete, vor allem aus afrikanischen Ländern, landen auf ihrem Weg nach Europa in Siculiana. Mit den Geflüchteten kommt auch Veränderung.

Das Dorf, das Luca Lucchesi für sein Regiedebut ausgewählt hat, steht stellvertretend für viele Dörfer in Italien und ganz Europa, die mit den Auswirkungen der Flüchtlingsbewegungen in den letzten Jahren direkt konfrontiert sind. Hier hat man zum Teil noch nie einen schwarzen Menschen gesehen und steht den Neuankömmlingen mitunter skeptisch gegenüber. Doch in Siculiana gibt es auch eine ganz besondere Tradition: Einmal im Jahr wird von den Männern des Dorfes eine Jesus-Figur in einem feierlichen Umzug durch das Dorf getragen. Die Besonderheit: Dieser Jesus ist schwarz.

„A Black Jesus“

Luca Lucchesi wurde 1983 in Palermo geboren. Seit über zehn Jahren lebt er in Berlin, wo er unter anderem mit Wim Wenders an Filmen arbeitete. Mit „A Black Jesus“ gibt Lucchesi sein Regiedebut, bei dem Wenders auch als Produzent fungierte. Die Prägung durch einen der renommiertesten deutschen Regisseure - bekannt unter anderem für „Paris, Texas“ (1984) und „Der Himmel über Berlin“ (1987) -merkt man diesem Film durchaus an. Die Kamera ist ruhig und neutral, ohne aber je den Bezug zu den Menschen, die sie zeigt, zu verlieren. In ästhetischen Kamerafahrten werden die Landschaft und das Dorf gezeigt – warme Farben machen Lust auf einen Italienurlaub. Lucchesi schaut den Menschen bei ihrem Leben zu. So gelingt es ihm, ein feines Panorama dieses Dorfes zu zeichnen.

Lucchesis Regiedebut ist gleichzeitig ein sehr persönlicher Film geworden. Siculiana ist der Heimatort seines Vaters, den er als Kind oft in den Ferien besuchte. Viele Dorfbewohner kannten ihn bereits persönlich und gaben ihm gerne Einblicke in ihr Leben. Die neuen Flüchtlinge musste er für den Film erst kennenlernen – zu Einigen hat er immer noch Kontakt.

Große Fragen

Am Beispiel von Siculiana werden in „A Black Jesus“ die Dilemmata der Geflüchtetenssituation in Italien und Europa sichtbar: Wie kann Integration funktionieren – zumal, wenn sie von politischer Seite nicht gewünscht zu sein scheint? Wie können Vorurteile in der Bevölkerung gegenüber Geflüchteten abgebaut werden, wenn die beiden Gruppen von selbst kaum miteinander in Berührung kommen? Und wie können strukturelle Probleme gelöst werden, die in der Region Siculiana für Arbeitslosigkeit, Landflucht und Existenzängste sorgen?

Antworten gibt der Film auf diese Fragen kaum. Es ist ein Portrait einer Region im Umbruch, aufgenommen innerhalb eines Jahres. Es ist ein bisschen, als käme man das Dorf besuchen, würde in verschiedene Häuser hereingucken, ein paar Leute kennenlernen und wieder wegfahren. Wer Antworten sucht, sozio-politische Verstrickungen aufgeschlüsselt oder Lösungen für hochkomplexe Probleme auf dem Silbertablett serviert haben will, der ist hier vermutlich falsch.

Glaube

Jedoch gibt es Momente der Hoffnung: Einblicke in die Ziele und Träume der Geflüchteten, in das Engagement ihres Italienisch-Lehrers und die Offenheit von Teilen der Dorfgemeinschaft machen Mut, dass eine gelungene Integration irgendwie möglich sein kann. Ein starkes Symbol steht in Siculianas Kirche, dem Herz des Dorfes: Eine schwarz angemalte Jesus-Skulptur ist sowohl traditioneller Angelpunkt des Dorfes als auch Zielpunkt der Träume der Geflüchteten. Die Möglichkeit eines kulturellen Zueinanderfindens im gemeinsamen Glauben scheint hier in greifbare Nähe zu rücken.

Luca Lucchesi erschafft das Portrait einer Region im Umbruch. „A Black Jesus“ ist ein persönlicher Film, der der Menschlichkeit viel Platz einräumt und unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen lässt. Konstruktive Lösungsansätze und politische Perspektiven bietet der Film leider nicht, dafür zeigt er, wie Menschen in der Verbindung kultureller Gemeinsamkeiten zueinander finden.

 

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A BLACK JESUS feierte seine Weltpremiere auf dem 63. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

 

Regie: Luca Lucchesi

Laufzeit: 92 Minuten

Land: Deutschland

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