Oper

Beziehungslos

"Die Frau ohne Schatten" gilt als überladen mit Themen und Symbolik, doch für Richard Strauss war es der Höhepunkt seines Schaffens. In der Oper Leipzig hat Balasz Kovalik sich als Aufgabe gestellt, das Stück auf die Bühne zu bringen.
Entscheidungen (v.l.n.r. Doris Soffel, Simone Schneider, Jennifer Wilson, Thomas J. Mayer)

Auf ein Letztes

Die Oper “Frau ohne Schatten” ist die letzte Zusammenarbeit von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, das kann man dem Stück auch anmerken. Strauss arbeitet mit einer großartigen Symphonik, die sehr nah an seine Programmmusik reicht. Die Oper orientiert sich an zahlreichen Vorbildern: Hofmannsthal bediente sich für das Libretto in der Bibel, Märchen und Mythen aus unterschiedlichsten Ländern. Die Musik Strauss' steht zwischen seinen früheren Opern Ariadne und Elektra, teilweise expressiv-modern und verklärend romantisch, eine Kammeroper mit Symphonieorchester. Kritiker aber bemängelten die ausschweifende Handlung und die überbordende Symbolik.

Genau das richtige Maß

Diese Komplikationen wollen musikalisch erst mal gestemmt werden und das gelingt der Oper Leipzig. Mit Ulf Schirmer und dem Gewandhausorchester sind sie dazu prädestiniert, auch wenn dies mit zu viel Enthusiasmus getan wird, sodass dem Hörer vom forte beinahe die Ohren klingen. Doch die Interpretation ist stimmig, sodass auch die großen Gegensätze der Partitur aufgefangen werden. Ebenso glänzen die Solisten mit ihrem Gesang. Für die fünf Hauptpartien hat die Oper sich Gäste auf die Bühne eingeladen, die ihre Rollen ausfüllen und deren Charakter bereichern.

Riesengroß

So überragend wie die musikalische Leistung ist auch die Ausstattung der Inszenierung. Wie üblich glänzt Heike Scheeles Bühnenbild mit Monumentalität. Das Überwältigungstheater, das sie fordert ist  vor allem diesmal durch technisch virtuose Umbauten auf offener Bühne gelungen. Die Menschenwelt wird als eine heruntergekommene asiatische Großstadt dargestellt, die Zauberinsel als ein herrschaftliches Schlafzimmer und zwischen all dem wird ein weißer Raum gezeigt, der etwas von Bahnhofshalle und Künstleratelier hat. Das ist der Ort an dem alle aufeinander treffen, um Entscheidungen zu fallen. Fantasievolle Welten, die durch das Licht perfekt in Szene gesetzt sind.

 

 

Aber die Regie lässt zu wünschen übrig...

Weniger fantasievoll ist allerdings die Regie. Balasz Kovalik verlässt sich auf das Libretto und verirrt sich dabei in dem Wald, den er in dem Stück sieht. Er setzt seine Figuren in das überwältigende Bühnenbild, das zwar Zeit und Ortlosigkeit der Handlung betonen soll, doch die Figuren agieren nicht wirklich darin, sondern einfach irgendwie - beinahe unmotiviert gehen die Sänger ihre Wege ab, den Blick immer auf den Dirigenten gerichtet. Dadurch bleiben die Charaktere sehr flach und berühren den Zuschauer kaum, die Handlung soll zwar zeitlos wirken, aber sie hat wenig mit uns, den Menschen, zu tun. Natürlich beschäftigt sich Kovalik mit gegenwärtig wichtigen Themen: die Rolle der Frau, die sich zur Mutterschaft durchringen muss, aber vor allem die Beziehung zwischen Menschen, die sich immer füreinander aufopfern müssen. Die Figuren scheinen jedoch kaum diese Beziehungen zueinander aufzubauen, denn Kovalik tut nicht mehr als das Libretto zu erzählen, ohne alle Tiefen auszuloten oder sich auf ein Thema zu fokussieren. Es gelingt ihm gelegentlich große Bilder zu inszenieren, aber insgesamt lässt das Werk den Zuschauer kalt. So ist “Die Frau ohne Schatten” an der Oper Leipzig wirklich nur was für Strauss-Fans.

 

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Thilo Körting
18.06.2014 - 20:54
  Kultur