Die Kolumne

Bewusste Fröhlichkeit

Unsere vier Kolumnisten wechseln sich jeden Freitag ab, um über die großen Fragen der Woche zu sinnieren. Die kommen aus der Redaktion. Heute mit Paula Drope.
Die Kolumne bei mephisto 97.6

Paula Drope über Parteiprogrammslektüre, kostenlose Schauspielbesuche und Babyrobben

Die Kolumne von Paula Drope: Bewusste Fröhlichkeit

Sag mal, was wird jetzt eigentlich aus dem Wilhelm-Leuschner-Platz?

Das ist eine Frage, die unsere Stadträte schon seit einigen Jahren nicht beantworten können. Ich würde sagen, der Zug mit dem Freiheits- und Einheitsdenkmal ist abgefahren. Jeder, der sagt zum 50. Jahrestag der friedlichen Revolution wird‘s was, ist schlimmstenfalls ein Lügner, bestenfalls ein Träumer. Besser also, auf die neuen, definitiv nicht als Zwischenlösungen zu verstehenden Vorschläge der Parteien zu schauen: Die seien jedem ans Herz gelegt, dem seine Zeit zu schade ist, um die kompletten Parteiprogramme zu lesen. Die FDP will einen Parkplatz, die Grünen einen „Markt der Begegnung“ und die Linken wollen einen Spielplatz mit Grünfläche. Muss ich noch mehr sagen?

Kolumnistin Paula Drope hat mal Geige gespielt, mag keine Vögel und tut sich schwer eine dritte Aussage über sich zu treffen.

2012 hat das Schauspiel 31.000 Freikarten rausgeblasen. Warst du auch mal umsonst da?

Tatsächlich war ich das nicht. Das Schauspiel hat mich damals ziemlich rüpelhaft mit einer furchtbaren Inszenierung von Schillers Räubern empfangen. Danach waren Theaterbesuche in Leipzig in etwa auf einer Stufe mit Parteiprogramme lesen. Selbst wenn ich also eine dieser Freikarten in die Hände bekommen hätte, hätte ich wahrscheinlich nichts damit anzufangen gewusst. Mittlerweile hat die Intendanz gewechselt, meine Abneigung hat sich etwas gelegt – das Aufgebot an Freikarten allerdings auch. Blöd.

Der Wahlkreis 9 hat neu gewählt – wenigstens ein paar der Wahlberechtigten – die Wahlbeteiligung lag nur bei 29 Prozent. Interessiert sich niemand mehr für Politik?

Das frage ich mich ja schon kopfschüttelnd seit der Landtagswahl. Der Wahlkreis 9 hatte es natürlich auch nicht leicht. So viele Kreuze, wie die Wähler machen mussten. Da kann man schon mal einen Krampf in seiner Kugelschreiberhand bekommen. Nicht wählen gehen kommt bei mir allerdings dir

ekt nach Babyrobben erschlagen. Da habe ich eine Nulltoleranz. An Freunde, die diesen Wahlkreis ihr Zuhause nennen, habe ich noch Erinnerungs-SMSen geschrieben. Die meisten Wahlkreis-Neuer habe ich aber anscheinend nicht in meinem Telefonbuch. Und wer nicht will, der hat bekanntermaßen schon. Mit den 39 Prozent der ersten Wahl, haben sich die Wähler ja auch nicht mit Ruhm bekleckert. Vielleicht helfen für’s nächste Mal Freikarten.

Und nächste Woche?

Da werden sich schon genug Leute über alles Mögliche beschweren. Die Vorschläge für den Wilhem-Leuschner-Platz, keine Freikarten mehr für’s Schauspiel und die SPD erwägt eine Klage gegen die Neuwahl im Wahlkreis 9. Ich werde mich also mal ganz bewusst für Fröhlichkeit entscheiden. Vielleicht wird das Wetter ja gut.

 

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