Musik-Highlights: KW 18

Beton-Cowboys und unsichtbare Menschen

Überall wird von Lockerungen gesprochen, bei uns nicht: Die Musikredaktion hat auch diese Woche wieder die Zügel fest in der Hand und stellt die besten und interessantesten Releases vor.
Die Musikhighlights der KW 18
Die Musikhighlights der Woche

Unser Album der Woche kommt dieses Mal von Tom Misch & Yussuf Dayes. Die Rezension zu "What Kinda Music" findet ihr hier.

Chicano Batman - "Invisible People"

Album-VÖ: 01.05.2020

International noch immer ein Geheimtipp, haben sich Chicano Batman über die letzten Jahre hinweg zum musikalischen Aushängeschild der Latin-Community von Los Angeles entwickelt. Ihr Latino-Erbe haben sich die vier Jungs stolz auf die Brust geschrieben: Als „Chicanos“ bezeichnen sich die mexikanischen Einwanderer in den USA. Auch musikalisch macht das Quartett seine kalifornische Heimat bunter: Ihr Stil vereint Elemente aus Psychedelic Rock und Soul mit den sonnigen Klängen der brasilianischen 60er-Musik Tropicalia.

Mit ihrem neuen Album „Invisible People“ dürften Chicano Batman ihre Bekanntheit noch weiter ausbauen.  Der sonnendurchflutete, entspannte Sound passt perfekt zum bevorstehenden Balkonsommer. Ihren eigens etablierten Stil haben die Angelinos gegenüber ihren bisherigen Alben noch verfeinert, mit noch knackigeren Synthies und stampfenden Drums, die auch Fans der frühen Tame-Impala-Alben mit an Bord holen sollten. Abgerundet wird das Ganze durch den wunderbar analogen Sound, der ganz altmodisch auf Band aufgenommen wurde und so authentisch nach vergangenen Musikepochen klingt.

Einen ernsten Unterton hat die fröhliche Musik trotzdem. Im Titeltrack macht die Gruppe auf die anhaltende Marginalisierung von Nicht-Weißen in den Vereinigten Staaten aufmerksam. Dass sie zumindest selbst gesehen und gehört werden, haben Chicano Batman mit „Invisible People“ sichergestellt.

Martin Pfingstl

Kwam.E & Tom Hengst - "Concrete Cowboys"

EP-VÖ: 01.05.2020

2017 veröffentlichte Kwam.E zusammen mit Ace Tee den Sommertrack „Bist du down“, der sogar bis nach Amerika herüberschwappte. Seitdem veröffentlichte er mehrere Singles und ein Album. Heute kommt endlich das neue Kollaboalbum mit Tom Hengst raus.

Der Albumtitel ist eine Anspielung an eine Skatemarke aus Hamburg, der Heimatstadt der beiden Rapper. Man merkt in ihren Texten den Einfluss der rauen Stadt. Und ganz im Geiste von Samy Deluxe geht es um exzessiven Graskonsum, die Probleme auf der Straße und natürlich – schöne Frauen. Doch wer ein 08/15 Deutschrap Album erwartet, wird von der Platte durchaus überrascht. Der Sound von „Concrete Cowboys“ erinnert stark an Old-School-Rap aus Amerika. So wird zum Beispiel der Track „Immer noch“ von einem dafür typischen Pianosample untermalt.

Doch Kwam.E und Tom Hengst sind keine verbissenen Realkeeper, sondern bewegen sich auch geschickt im heutigen Klangspektrum. So finden sich auch harte 808s und Autotunepassagen auf dem Album, wie zum Beispiel im Track „Handy klingelt“.Wer sich also nach Abwechslung zum immer gleichen Modus-Mio-Einheitsbrei sehnt, der ist beim neuen Album von Kwam.E und Tom Hengst genau richtig aufgehoben.

Emma Dressel

serpentwithfeet - "Apparition"

EP-VÖ: 29.04.2020

Nur drei Songs stark ist das neue Werk vom Pop- und R&B-Sänger serpentwithfeet. Aber diese drei Tracks reichen um klar zu machen: The struggle is real. War das letzte Album "soil" noch sehr sinnlich und erotisch, sind die Texte auf "Apparition" sind leidvoll, beschwerlich, aber auch bedingt optimistisch.

Life's gotta get easier
Can't carry a heavy heart into another year
Life's gotta get easier
No heavy hearts in my next year

serpentwithfeet in "A Comma"

Die EP wirkt noch mal ein Stück poppiger und zugänglicher als die Vorgänger. Das ermöglicht solch zuckrigen Momente wie auf dem besten und absurdesten der drei Songs, "Psychic". Im vorsichtigen Flüsterton beschreibt er das langsame Verlieben in seinen Wahrsager und der damit verbundenen Sehnsucht nach Zukunft. Hoffen wir, dass die für serpentwithfeet und alle anderen positivere Momente bereithält.

Scott Heinrichs

Haszcara  - "Hautnah"

EP-VÖ: 24.04.2020

Nach dem 2018 veröffentlichten Album „Polaris“ ist nun mit „Hautnah“ das zweite Werk der Rapperin Haszcara erschienen. Bereits 2015 machte sie sich durch ihre Teilnahme am Video-Battle-Turnier (VBT) einen Namen. Auf ihrer neuen EP nutzt sie ihr Battlerap-Talent, um mit all den Rappern und Hip-Hop-Fans abzurechnen, die Frauen im Rap diskriminieren.

Denn weibliche MCs werden im Hip-Hop noch immer unterschätzt und von ihren männlichen Kollegen oftmals über einen Kamm geschert. Auf „Schon lange“, einem von vier neuen Tracks, trifft Haszcara den Kern dieses Problems:

Ich versteh’s nicht
Wieso denken sie, wir wären ähnlich
Nur weil die meisten von uns etwas in sich tragen für Babys

Haszcara in "Schon lange"

Aber auf der EP ist auch Platz für Romantik. So erzählt etwa der Titelsong „Hautnah“ von der Liebesbeziehung einer Musikerin, die viel unterwegs ist. Darin rappt Haszcara sogar ein paar Zeilen auf Spanisch. Für die Beats, die Haszcara für ihr voriges Album „Polaris“ noch selbst produzierte, hat sie sich nun Unterstützung vom Berliner Produzenten „unknOwz productions“ geholt. Musikalisch sind deshalb mehr Trap-Einflüsse auf ihrer neuen EP zu finden. Diese bilden die Grundlage für ihren lässigen Flow. In Kombination mit ihrem rhetorischen Talent leistet Haszcara auf „Hautnah“ so einen bemerkenswerten Beitrag zum Empowerment weiblicher MCs.

Inga Habiger

Hinds - "Just Like Kids (Miau)"

Single-VÖ: 28.04.2020

Als Band bekommt man viele „gut gemeinte“ Ratschläge, vor allem, wenn man in einer komplett weiblich besetzten Band spielt. Kommentare wie “ihr habt nur so viel Erfolg, weil ihr schöne Beine habt” und “ihr lächelt zu viel” stehen da auf der Tagesordnung. Auch die Spanierinnen von Hinds haben damit zu kämpfen. In “Just Like Kids (Miau)” reagieren sie auf solche verletzenden “Hinweise” mit gewohnt sarkastischen Lyrics und rotzigem Sound und zweigen allen Zweifelnden ein für alle Mal den musikalischen Zeigefinger. 

to be fair i don't know you but a friend of mine does
he said you were successful cause your legs are nice.
it must be so much fun
to spend your daytime in the van
HAHAHA

Hinds in "Just Like Kids (Miau)"

Der Song ist bereits der vierte vielversprechende Vorbote von Hinds drittem Album “The Prettiest Curse”, das im Juni erscheinen wird.

Marie Jainta

Fenne Lily - "To Be A Woman Pt. 2"

Single-VÖ: 29.04.2020

Leise, aber beständig hat sich Fenne Lily in den vergangenen Jahren ihren Weg auf die Bühnen der Welt gespielt: Als Support von KollegInnen wie Lucy Dacus oder Charlie Cunningham, aber auch mit intimen Headline-Shows und ihrem betörend sanftem Debütalbum „On Hold“.

Mittlerweile steht die Engländerin beim angesehenen Label Dead Oceans unter Vertrag und hat da scheinbar alle Freiheiten, weiter an ihrem Sound zu feilen. Im März erschien ihre Single „Hypochondriac“, bei der Fenne Lilys Minimalismus aus Akustikgitarre und Schlagzeug nach wie vor ausgeprägt, der Song aber poppiger und kräftiger war als bisher gewohnt. Jetzt erscheint mit „To Be A Woman Pt. 2“ - ein frustrierter und wütender Song mit deutlich vollerer Instrumentation bis hin zur drückenden E-Gitarre. Fans und Presse sind gespannt, wohin sich Fenne Lilys Sound in Zukunft entwickeln wird.  Beim Thema kommende Releases hüllt sie sich bisher in Stillschweigen, bittet aber darum sich von Parks fernzuhalten und sich gegenseitig nicht anzufassen, damit sie im Herbst wie geplant auf Tour gehen kann. Wir drücken die Daumen.

Ariane Seidl

BLVTH - "MAKE A BEAT WITH BLVTH" & "I Don't Wanna Be"

Video-VÖ: 26.04.2020
Single-VÖ: 01.05.2020

Die Zeit zuhause sinnvoll und kreativ nutzen: Vor dieser Herausforderung stehen zurzeit viele Musiker*innen und Produzent*innen. Die Quarantäne-Beschäftigung von Sänger und Beatmaker BLVTH ist zunächst naheliegend: Er macht Songs und baut Beats. Statt das aber im stillen Kämmerlein zu tun, teilt er seinen Arbeitsalltag fortan auf YouTube. Seine neue Webserie „MAKE A BEAT WITH BLVTH“ gibt Einblicke in den kreativen Prozess. Zwei Videos à 40 Minuten sind schon draußen, weitere zwei sollen jede Woche folgen.  

Das heißt aber nicht, dass BLVTH ab sofort ausschließlich YouTuber ist, neue Musik gibt es auch wieder. Hi-Hats, Loops, dröhnender Bass – so klingt die neue Single „I Don’t Wanne Be“. Ein mehr oder weniger klassischer BLVTH Song also? Nicht ganz, denn mit der Sängerin bülow hat er sich ein aufstrebendes Popsternchen dazu geholt, deren sanfte Stimme sich perfekt auf den Beat legt. Und obwohl der Song der klassischen BLVTH-Formel folgt: catchy ist das auf jeden Fall. 

Lina Kordes

James Blake - "You're Too Precious"

Single-VÖ: 24.04.2020

James Blake’s neue Single ist ein Liebeslied, eine Ode an Gefühle und Zuneigung mit einer ordentlichen Portion Kitsch – auf eine wunderschöne Art. So singt der Brite von einer fürsorglichen, einfühlsamen und sanften Liebe: Blake möchte seiner Geliebten die Last von den Schultern nehmen und sie ähnlich einer Blase vor Belastungen schützen.

I’ll be a bubble
I’ll make myself useful

James Blake in "You're Too Precious"

„You’re Too Precious“ ist ein Song zum Wegdriften und Träumen. Beim Hören des Tracks fühlt man sich als Hörer*in selbst fast wie in einer Bubble; einer wohligen Blase, bestehend aus den Klängen von Blake’s fragiler – teilweise technisch entfremdeter – Stimme, Klaviersoli und elektronischen Sounds. 
Passend ist auch das Musikvideo. Hohes Fliegen und sanftes Fallen; grafische, bewegte Zeichnungen von Blumen, Fenstern und Regen – das Video zu „You’re Too Precious“ ähnelt einem Traum. James Blake selber ist nur am Ende kurz zu sehen. Lieber lässt der Musiker Snippets von Natur, Himmel und Meer für sich sprechen und setzt die melancholisch-schöne Atmosphäre des Songs in den Vordergrund.

Nele Rebmann

 

 

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