m19 von der Leipziger Buchmesse 2016

Berlin, du Stadt der Wölfe

Der Wechsel vom Dramatiker zum Romancier ist unüblich geworden. Der erfolgreiche Theaterautor Roland Schimmelpfennig hat es gewagt und wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Roland Schimmelpfennig
Roland Schimmelpfennig im Gespräch mit Thilo Körting auf dem Roten Sofa

Es scheint einen Trend für lange Titel zu geben, doch bei Roland Schimmelpfennig lässt sich die Idee dahinter leicht entschlüsseln: Es ist einfach der erste Satz des Romans, der „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ anfängt. Hier macht der polnische Bauarbeiter 80 Kilometer vor Berlin eine seltsame Entdeckung.

Ein Wolf, dachte Tomasz, das sieht aus wie ein Wolf, vermutlich ein großer Hund, wer lässt hier seinen Hund rumlaufen, oder ist das doch ein Wolf? Er machte ein Foto von dem Tier vor dem Schild im Schneetreiben. Der Blitz in der Dunkelheit. Einen Augenblick später war der Wolf verschwunden.

Ein wandernder Wolf

Der Wolf bildet in Roland Schimmelpfennigs Roman den roten Faden. Er verbindet die Geschichte um den verzweifelten Polen Tomasz mit der einer angehenden Journalistin. Da sind zwei Teenager, die von zu Hause abhauen. Sie kämpfen sich durch den Wald, um nach Berlin zu gelangen. Die Eltern irren den beiden hinterher und scheitern an ihren eigenen Sorgen. Nur der Spätkaufbesitzer Charly lässt sich von dem wilden Tier verrückt machen.

– Charly, was ist mit dir, du bist so nervös.

– Ja, ich weiß auch nicht, ich bin nervös, ich hab das Gefühl, da kommt was, aber ich weiß nicht, was, und da ist diese Sache mit dem Wolf, ein Wolf vor Berlin, hier auf dem Foto, achtzig Kilometer vor Berlin, und jetzt sind es vielleicht nur noch sechzig Kilometer oder fünfzig oder vierzig, und dann ist er irgendwann hier, in Adlershof oder in Hönow oder in Marzahn oder in Lichtenberg oder in Ahrensfelde, stell dir das vor, der kommt von Osten, ich meine, was wäre, wenn? Denk das mal richtig durch, stell dir das mal vor.

Der einsame Wolf

Roland Schimmelpfennig erweckt mit diesen Geschichten ein Gefühl der Einsamkeit, das sich bei allen Gestalten wiederfindet – besonders beim einsamen Wolf. Doch auch alle anderen Figuren streunen durch die Kälte des brandenburgischen Winters. Zwar gibt es auch Liebe und Begegnung, doch irgendwie bleiben die Figuren kalt und distanziert. Sie trauen einander nicht, öffnen sich niemandem und so bleibt jeder allein. Das spiegelt sich auch in den Orten des Romans wider. Berlin ist eine Ansammlung leerer Straßen, schwarz gestrichener Kneipen und abrissbereiter Häuser.

Es gab kein Licht im Treppenhaus, aber sie hatten Feuerzeuge und Streichhölzer. Sie liefen die Treppe hoch. Ab dem zweiten Stock gab es keine Wohnungstüren mehr, nur leere Etagen. Man hatte alles herausgerissen, nur die tragenden Wände waren stehengeblieben. Sie liefen hinauf in den vierten Stock, hier war Ickes Wohnung gewesen, aber es war nichts mehr von der Wohnung übrig, keine Wände, keine Möbel. Vor den Fenstern wehten Plastikplanen.

Ein wendiger Wolf

Obwohl es sein erster Roman ist, hat Roland Schimmelpfennig eine lange Werkliste vorzuweisen: Denn er ist Deutschlands meistgespielter Dramatiker. Und so finden sich viele Ähnlichkeiten zwischen den Stücken und dem Buch, in dem er eben Bilder entwickelt, die niemals auf eine Bühne passen würden. Über weite Strecken klingt der Roman nach einem Märchen. Es ist die mythische Weltsicht auf unsere Moderne, die das Schaffen des Dramatikers von Anfang an prägte. Wie Hänsel und Gretel wandern die Teenager allein durch den Wald, doch der Jäger ist hier schon Tod und der Wolf läuft ziellos durch die Gegend. All diese Geschichten schachtelt Schimmelpfennig ineinander. Immer wieder bricht er die Erzählung ab und wendet seinen Blick auf eine andere Figur, ähnlich wie in seinen wohl erfolgreichsten Dramen „Auf der Greifswalder Straße“ und „Der goldene Drache“. Ständig lässt Schimmelpfennig den Leser im leeren Raum zurück.

Die Tür einer Kneipe wurde aufgestoßen, und dann stießen zwei Männer einen dritten, älteren Mann die Eingangsstufen hinunter auf die Straße. Der Mann stürzte in den Schnee und blieb vor dem Jungen liegen. Der Mann im Schnee war der Vater des Jungen.

Teilweise strapaziert Schimmelpfennig diese Technik über. Den Leser beschleicht das Gefühl, dass hier nur um des Effekts willen unterbrochen wird. Dennoch bleibt er gepackt, denn Schimmelpfennig besitzt einen flüssigen Sprachstil, der die zwischenmenschliche Kälte spürbar macht. Selbstverständlich erzeugen die Cliffhanger auch Spannung, denn der Roman ist gut gebaut, wenngleich die Verknüpfung der Figuren sehr durchschaubar ist. Leider bricht der Roman sehr abrupt ab: Der Autor lässt den verirrten Wolf einfach verenden, ähnlich wie den Roman. Zum Schluss bleibt der Leser alleine zurück.

Auf dem Roten Sofa

Im langen Interview erzählt Roland Schimmelpfennig, wie es dazu kam, dass er seinen Roman nach dem ersten Satz aus seinem Buch benannt hat. Geplant war das nicht. Doch nach Recherche auf Amazon und Co. stellte sich heraus, dass Wölfe, um die es im Roman geht und die deshalb Sinn im Titel gemacht hätten, einen oft ins Genre Fantasy führen.

Und damit hat das Buch ja nun nichts zu tun. 

Das komplette Interview können Sie hier direkt nachhören oder Sie schalten nächsten Mittwoch 19 Uhr bei M19 – dem langen Interview bei mephisto 97.6 – ein.

Roland Schimmelpfennig im Gespräch mit Thilo Körting auf dem Roten Sofa
Roland Schimmelpfennig im Gespräch mit Thilo Körting auf dem Roten Sofa
 

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Thilo Körting
18.03.2016 - 15:46
  Kultur

Roland Schimmelpfennig, geboren 1967 in Göttingen, ist ein deutscher Theaterautor und Dramaturg. Neben zahlreichen Theaterstücken und Hörspielen hat er jetzt seinen ersten Roman "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" geschrieben. Dieser ist im Februar 2016 im S. Fischer Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostet 19,99 Euro.

Eine Leseprobe finden Sie hier.