Konzertbericht

Believe The Hype!

Bilderbuch befinden sich nach einem aufregenden Jahr in den letzten Zügen ihrer Schick Schock-Tour. Wir berichten von ihrem bis dato größten Deutschland-Konzert in der Berliner Columbiahalle.
Bilderbuch versinken im Schwarzlicht auf der Bühne
Bilderbuch versinken im Schwarzlicht auf der Bühne.

Erwartungen

CD der Woche, Interview, ausverkauftes Konzert im März in Leipzig – nicht nur bei mephisto 97.6 waren die vier Bilderbuch-Buben aus Wien 2015 ein großes Thema. Schon 2014 wurde die „Feinste Seide EP“ hochgelobt. Mit dem dritten Longplayer „Schick Schock“ gelang den lässigen Jungs dieses Jahr dann aber endgültig der Durchbruch. In zahlreichen Musikzeitschriften wie zum Beispiel der „Intro“ thronten Bilderbuch vom Cover – angeführt vom extrem-lässig wirkenden, blondierten Jerry-Seinfeld-Lookalike Maurice. Doch Bilderbuch fallen nicht nur durch Äußerlichkeiten auf. „Schick Schock“ steht genre-technisch quasi für sich alleine. Austro-Pop-Revival nennen es manche, dabei machen die Österreicher eigentlich viel mehr. Auf dem Album gibt es sehr viele unterschiedliche Sound-Spielereien, die sich zu groovigen Beats gesellen. Perfekte Voraussetzung für eine lässige Tanzparty. Die einzige Frage, die sich vor dem Konzert stellt: Ist der Hype auch auf der Bühne real?

Erster Eindruck

Pärchenalarm! Damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Beim zugegebenermaßen etwas schrägen Support-Act „Koenig“ tendiert der Tanzfaktor im Publikum gegen Null. Wie soll das nur weitergehen? Eigentlich sind die Voraussetzungen perfekt. Die Columbiahalle ist sehr gut gefüllt, es ist gerade so genug Platz zum Tanzen da. Irgendwie will das Publikum aber nicht so richtig. Ein bisschen Stimmung kommt erst auf, als ungefähr in der Mitte der 45-Minuten Umbaupause plötzlich ein gelber Vorhang die Sicht auf die Bühne verdeckt. Stimmt, wir sind ja bei Bilderbuch, da darf man auch mal tanzen. Nach ein bisschen Michael Jackson als Pausenmusik, bei dem das junge Publikum dann doch anfängt mitzuwippen, stehen Bilderbuch auch schon auf der Bühne und heißen Berlin im Dschungel willkommen. Der Sound knallt ordentlich rein und die Menge tanzt tatsächlich. Kein Wunder, da stehen ja auch vier unglaublich lässige Österreicher in urkomischen Outfits, die in ihre Instrumente hauen. Es dauert nicht lange, dass Sänger Maurice sein von einem Gold-Overall bedecktes Hinterteil dem Publikum entgegenstreckt und „Schick Schock“ anstimmt. Willkommen bei Bilderbuch!

Musik

Dass „Schick Schock“ als eines der bedeutenden Alben 2015 in Erinnerung bleiben wird, merkt man daran, dass Bilderbuch jeden Song ausnahmslos live performen und keiner davon überflüssig ist. Nach dem furiosen Anfang liegt die Aufmerksamkeit zunächst beim hinteren Teil des Albums. Mit Songs wie „Barry Manilow“ entführen die Österreicher die Columbiahalle an die Copa Cobana. Zwischen den neuen Songs werden immer wieder alte Hits eingestreut, die sich überraschenderweise nahtlos einfügen. Das Berliner Publikum nimmt eher hektische Songs wie „Joghurt auf der Bluse“ sogar dankbar an, obwohl der Großteil die Band zu diesen Zeiten wohl noch gar nicht kannte. Lässt sich auf den Alben noch ein klarer Klang-Unterschied zwischen „Schick Schock“ und seinen beiden Vorgängern erkennen, verschwindet dieser auf der Bühne fast vollends. Aktuelle Hits wie „Spliff“ klingen live deutlich weniger elektronisch, als sie es in der Studioversion sind. Dadurch gewinnen die Lieder nochmal an Druck. Durch einen astrein abgemischten Sound machen alle Songs Spaß. Wer sich also gefragt hat, ob Bilderbuch in der Lage ist die Songs auf der Bühne umzusetzen, der bekommt an diesem Abend ein deutliches „ja, natürlich!“ in die Ohren.

Show

Dass Bilderbuch einfach nur ihre Songs herunterspielt, hat wohl keiner erwartet. Eine derartig unterhaltsame Show wie an diesem Abend in Berlin ist aber schon außergewöhnlich. Da bleibt sogar dem spießigen Jura-Student und seiner Freundin die Spucke weg. Die vier Wiener Buben können ihre Instrumente nicht nur spielen, sie wissen es auch ungemein sich in Szene zu setzen. Am Schlagzeug haut Philipp mit perfektionistischer Genauigkeit in die Trommeln und spielt häufig mit Blick Richtung Bassist Peter. In der Mitte der Bühne verschwitzt Sänger Maurice in seinem goldenen Seiden-Overall sicher mehrere Softdrinks. Zwischen den Liedern sorgt er mit stimmungsvollen Ansagen in feinstem Österreichisch für lauten Applaus. Dabei tritt er nie aus seiner natürlich aufgesetzten, leicht arroganten, lässigen Rolle heraus. Der wirkliche Showmeister steht aber am linken Bühnenrand und spielt größtenteils Gitarre. Mit lackierten Fingernägeln, Rasta-Zöpfen und Löchern in der Hose: Lead-Gitarrist Mike. Was der aus seiner Gitarre für Laute rausbringt, ist gleichermaßen ungewöhnlich und passend. Bei den vielen Solis inszeniert sich Mike auf gar-nicht-peinliche Rockstar-Art selbst. Beim abschließenden Lied des Abends, „OM“, loopt er nahezu das ganze Lied mit Hilfe seiner Effektgeräte und spielt darüber sehr passende Soli. Das obligatorische „Hinter-dem-Kopf-Gitarre-spielen“ darf bei „Plansch“ natürlich auch nicht fehlen.

Was in Erinnerung bleibt

Nach knapp 90 Minuten verlässt Maurice kurz die Bühne und kehrt mit einem Paar gelber Lederhandschuhe zurück. Er sucht das Rampenlicht und zieht sich die Handschuhe unter frenetischem Jubel lasziv über die Hände. Alle wissen, was jetzt kommt: der Über-Hit „Maschin“, der auch ohne sein großartiges Video (aus dem die Handschuhe stammen) auf der Bühne überzeugen kann. Bilderbuch feiern sich und ihre Lieder über eineinhalb Stunden lang. Besonders erfreut wirken die vier Buben, als sie „Plansch“ mit Berliner Urgestein Arnim Teuteburg-Weiß von den Beatsteaks formen. Die Berliner Rockband hatte Bilderbuch im letzten Jahr als Support-Act auf ihrer Hallentour mitgenommen. Sicher einer der Grundsteine für den diesjährigen Durchbruch. Dass sie den verdient haben, beweisen die vier Wiener mit ihrer starken Show an diesem Abend. Manchmal irrt sich die Musikwelt eben doch nicht. Believe The Hype!

 

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Till Bärwaldt
11.12.2015 - 15:39
  Kultur

Bilderbuch bei mephisto 97.6:

Zum Veröffentlichungstermin war "Schick Schock" unsere CD der Woche. Die ausführliche Rezension gibt's hier.

Vor ihrem Konzert im März haben wir außerdem mit Gitarrist Mike und Bassist Peter gesprochen. Das Interview gibt's hier.