Umweltschutz vs. Stadtentwicklung

Bauprojekte am Wilhelm-Leuschner-Platz

Der Wilhelm-Leuschner-Platz gehört nicht zu den vielversprechendsten Orten in Leipzig. Das will die Stadt seit einiger Zeit ändern und hat dafür jetzt einen neuen Bebauungsentwurf vorgelegt. Doch der stößt auf Protest von Umweltschützern
Auf dem Bild ist der Eingang des City-Tunnels am Wilhelm-Leuschner-Platz zu sehen.
City-Tunnel am Wilhelm-Leuschner-Platz

Für die Bebauung des Wilhelm-Leuschner-Platzes hat die Stadt Leipzig  Anfang März einen Entwurf vorgelegt, den sogenannten B-Plan Nr. 392 „Wilhelm-Leuschner-Platz“. Dieser Plan stellt das Ergebnis eines langen Arbeitsprozesses dar, denn Beratungen über Veränderungen des Platzes gab es bereits seit den 1990er Jahren. Der Masterplan für die Bebauung wurde erstmals 2017 vorgelegt. Die Verzögerung bei der Umsetzung entstand unter anderem durch Probleme bezüglich des Umweltschutzes, die bei der Planung aufkamen und zum Teil bis heute noch im Raum stehen.

Über den neuen, überarbeiteten Entwurf wird der Stadtrat am 24. März abstimmen. Die einzelnen Fraktionen sehen die Neufassung der Planung zu großen Teilen positiv, weswegen eine Bestätigung wahrscheinlich ist.

 

 

Grundlagen des Bebauungsplans

Obwohl es noch keinen sicher feststehenden Plan der Bebauung gibt, äußerte die Stadt das Ziel, auf dem Areal ein „urban belebtes Quartier” zu entwickeln.

Dafür soll nach dem neuen Entwurf nochmal mehr Fokus auf die Entstehung von Wohnflächen gelegt werden, und das vor allem im südlichen Baufeld Richtung Südvorstadt. Insgesamt sollen auf dem Areal später 22.300 Quadratmeter als Wohnfläche genutzt werden, das entspricht ungefähr der Hälfte der Fläche des Wilhelm-Leuschner-Platzes. Ein Teil davon soll auch für sozialen Wohnungsbau genutzt werden. 

Ebenfalls im südlichen Baufeld sollen wissenschaftliche Einrichtungen entstehen, dazu gehört beispielsweise ein Neubau des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) und möglicherweise auch ein Forschungsinstitut der Universität Leipzig, genannt „Global Hub“. 

 

Das Projekt Markthalle

Neben der Errichtung von sozialem Wohnungsbau, setzt sich die Stadtratsfraktion der Grünen für den Bau einer Markthalle ein. 

Tobias Peter, der Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat, hofft, mit dem Konzept neue Anbieter anzulocken und deren Dauerangebot ganzwöchentlich für viele Leute erreichbar zu machen.

Durch die Markthalle gäbe es außerdem die Möglichkeit, regionale Produkte besser zu vertreiben und somit die lokale Landwirtschaft zu unterstützen. Das wäre dann auch eine Möglichkeit, umweltschädliche Lieferketten zu verkürzen. Mit den Umsetzungen der Bauprojekte sehen die Grünen statt des Widerspruchs zum Artenschutz eher eine neue Möglichkeit der Verwirklichung: 

Wir wollen dort natürlich auch ein Quartier schaffen, das ein Leuchtturmprojekt ist, was das Thema Begrünung und Artenvielfalt angeht, sodass wir am Ende, das sollte das Ziel sein, vielleicht sogar noch mehr Grün und mehr Artenvielfalt in dem Areal haben als bisher

Tobias Peter, Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/ Die Grünen im Stadtrat

Doch trotz der mit diesen Vorhaben verbundenen Aussicht auf Nachhaltigkeit, müssen die gerade bestehenden Grünfläche zunächst einmal versiegelt werden. Und ob die Projektvorstellungen der Grünen, wie beispielsweise Fassaden- oder Dächerbegrünung, reichen, um die dadurch verloren gegangene Biodiversität später wiederherzustellen, bleibt abzuwarten. 

Grünflächen als Lebensraum

Bisher wurde in Leipzig bei Bauprojekten scheinbar wenig auf die Erhaltung von Grünflächen und damit Lebensräumen geachtet. Laut dem Regionalverband der NABU sind hier seit 2016 etwa 250 Grünflächen verschwunden, die insgesamt circa 100 Hektar umfasst haben. Oft gibt es dabei auch keine Ausweichgebiete für die betroffenen Tierarten, was ihr Verschwinden zur Folge hat. Um das zukünftig zu  verhindern, hat der NABU gemeinsam mit anderen Leipziger Umweltschutzvereinen eine Petition gestartet und verfolgte damit unter anderem das  Ziel, die Umsetzung der Bauprojekte zu verhindern. Laut dem NABU wäre der Verlust der Grünfläche am Wilhelm-Leuschner-Platz auch ein großer Verlust für die städtische Tier- und Pflanzenwelt. 

Zum einen ist das ein Lebensraum für mehrere Brutvogelarten und darüber hinaus auch für andere Tiere, insbesondere zum Beispiel für Insekten und es ist auch Jagdgebiet in der Stadt für Fledermäuse. Diese Funktion der Biodiversität würde verloren gehen

Renè Sievert, Vorsitzender des NABU-Regionalverbands Leipzig

Zusätzlich könnte eine großflächige Bebauung auch negative Folgen für die Menschen haben, denn die Vegetation der Innenstadt sei verbunden mit einem Kühleffekt, sodass die Versiegelung zu einer Aufheizung führen könnte, so René Sievert.
Statt bei Bauprojekten zunächst immer das ganze Areal freizuräumen, hält er es für sinnvoll, zu überlegen, wie man bestehende Grünflächen sinnvoll einbinden kann. Und auch wenn es für diese Strategie bei den Bauprojekten rund um den Wilhelm-Leuschner-Platz jetzt nicht mehr angewendet werde kann, sollte man hier auch wieder aktiv Lebensräume für Tiere und Pflanzen schaffen, zum Beispiel eben durch eine nachhaltige Bauweise. Damit würde die Stadt bei diesem Projekt auch die Chance wahrnehmen, als Vorreiter bezüglich nachhaltiger Stadtentwicklung aufzutreten. 

Über dieses Thema und mehr haben wir in unserem Podcast „Radio für Kopfhörer“ gesprochen. Den gibt es hier zum Nachhören:

 

 

Kommentieren

Mehr Infos: