CD der Woche

Back to the 80's

Vor kurzem hat Drangsal sein erstes Studioalbum 'Harieschaim' veröffentlicht – das trägt den mittelalterlichen Namen seiner pfälzischen Heimatstadt Herxheim und klingt wie eine Zeitreise in die Musik der Achtziger Jahre.
Drangsal Pressefoto
Am 22.04. hat Drangsal sein Debut 'Harieschaim' veröffentlicht.

Kaum hat er sein erstes Album veröffentlicht, sieht man Drangsal im Fernsehen in der Tagessschau, 'Die Zeit' widmet ihm einen Artikel und Musikmagazine feiern ihn als ‚das neue große Ding‘. Aber wer steckt eigentlich hinter dem Namen Drangsal, der gerade durch die Medien geht? Max Gruber ist 22 Jahre alt und aufgewachsen in Herxheim in der Pfalz, einer kleinen Gemeinde mit rund 10.000 Einwohnern. Während seines Auftrittes in der Tagesschau erzählt er, er habe während der Schulzeit viel Marilyn Manson gehört, seine Nägel schwarz lackiert – und sich damals bewusst für Rolle des Außenseiters entschieden. Während andere Jugendliche an seiner Schule wahrscheinlich Charts gehört haben, hatte Max Gruber Vorbilder wie Madonna, The Smiths oder Künstler der Neuen Deutschen Welle. Zu den Leuten in seinem Ort wollte er nicht ganz passen. Mit achtzehn Jahren zog er nach Heidelberg, dann nach Berlin, wohnte sogar eine kurze Zeit in Leipzig und heute wieder in Berlin. Genauso rastlos wie er ist, klingt auch seine Musik.

Brachialer Pop

'Harieschaim' hört sich an wie eine Liebeserklärung an die Achtziger - Synthies ziehen sich durch alle Songs, das Album steckt voller New Wave und Post-Punk-Einflüsse. Stilistisch erinnert Drangsals Musik an Bands wie Joy Division und Depeche Mode. Seine Musikrichtung beschreibt er allerdings selbst als 'Brachialpop' – Musik, die brachialer, also gewaltiger sei als der Pop, den man aktuell hören kann. Die Songs des Albums hören sich an, als kämen sie aus einem anderen Jahrzehnt der Popmusik, klingen dabei aber nie abgedroschen. Der Song 'Will ich nur dich' erinnert klar an die punkigen Seiten der Neuen Deutschen Welle, während Gruber singt: „Ich hab den Kopf voll mit Pflastersteinen / Weil du nie kapierst, was ich meine / Und doch / Will ich nur dich / Und doch will ich nur mit dir sein“ und der Takt des Schlagzeugs zum mitwippen einlädt. Wirklich tanzbar kommt dagegen der Track 'Do The Dominance' daher. Elektronische Beats, Gitarren und Synthies ziehen sich durch den Song und steigern sich immer wieder zum Refrain hin, der von einer weiblichen Stimme begleitet wird und den poppigen Song noch eingängiger macht.

You utter: "Dominance!" / Such utter, utter dominance / You utter: "Dominance!" / Let's do the dominance dance tonight

 Do the Dominance, Drangsal

Schnell und rastlos klingt der Track 'Der Ingrimm'. Der Titel kommt aus dem Altdeutschen und bedeutet passenderweise soviel wie 'Rasender Zorn', während Gruber Zeilen singt wie „Convinced being alive wouldn't hurt / But it did“, die von Schmerz und den Schwierigkeiten des Lebens handeln. "Let me be like you" fordert Gruber dagegen im Song 'Wolpertinger'. In dem geht es zwar nicht um das Fabelwesen, aber darum, lieber in eine andere Haut schlüpfen zu wollen. Passend dazu klingen die Synthies im Hintergrund dramatisch an und der Takt des Schlagzeuges zieht sich rastlos durch den Song. Mit 'I Think You Have A Brother' ist sogar ein Instrumental auf dem Album vertreten. Das bildet gleichzeitig das Outro und beendet die Platte mit einem schweren und schleppenden Techno-Beat.

Keine Angst vor Dramatik

Auch in seinem Musikvideo zu 'Love Me Or Leave Me Alone' wird klar : Drangsal spielt gerne mit der Dramatik. Die junge Frau, die immer im Wechsel mit schemenhaften Landschaftsaufnahmen im Video zu sehen ist, läuft scheinbar verloren durch die Szenen. Max Grubers Gesicht wird passend zur 80er-Stimmung immer wieder in grellen Blau- und Lila-Tönen eingeblendet. Dazu singt er Zeilen wie: "Love me or leave me alone / Help me or break my bones". In seinem Video zur Single 'Allan Align' setzt er sogar noch eins drauf: Max Gruber spielt einen Priester, bei dem die weibliche Hauptrolle, gespielt von Jenny Elvers, um Vergebung sucht. Das Ganze endet in einem Kuss der beiden. Dazu spielen schrammelnde Gitarren. Im Hintergrund zieht sich ein hallender Backgroundchor durch den Refrain. Da Jenny Elvers Ex-Dschungelkandidatin, 42 Jahre alt und schon öfters in den Klatschspalten der BILD erwähnt wurde, gab der Boulevardpresse genug Anlass, um über das Video zu berichten.

 

 

Fazit

Spätestens seit der der Veröffentlichung seines ersten Albums ist Drangsal längst kein Geheimtipp mehr. 'Harieschaim' kombiniert musikalische Anleihen aus den Achtzigern und eingängige Beats und wirkt doch unkonventioneller als andere Künstler, die sich zur Zeit im Pop-Genre bewegen. Seine Songs sind mal düster, mal laden sie zum Tanzen ein. Der Sound ist mal schleppender und schwerer, mal aggressiver und schneller. Eines ist das Album auf jeden Fall - dramatisch. Aber manchmal sollte gute Pop-Musik auch mal dramatischer sein - oder eben "brachialer".

 

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Sophie Boche
02.05.2016 - 10:31
  Kultur

Drangsal: Harieschaim

Tracklist:

1.  Allan Align*

2.  Der Ingrimm*

3.  Will ich nur dich*

4.  Hinterkaifeck

5.  Do The Dominance*

6.  Moritzzwinger

7.  Love Me Or Leave Me Alone*

8.  Schutter

9.  Sliced Bread #2

10. Wolpertinger

11. Hertzberg - 2013 Version

12. Goler Teal

13. Allan Align - First Demo

14. Wolpertinger - First Demo

15. I Think You Have A Brother

 

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 22.04.2016
Caroline Records