CD der Woche

Baby, you make me blue.

Drei Jahre sind nunmehr vergangen, seitdem die Black Keys mit dem Album „El Camino“ weiter ihre Heimregale mit ebenso drei weiteren Grammys befüllen konnten. Ob die neue Platte „Turn Blue“ da mithalten kann?
Die Black Keys melden sich zurück. Mit im Gepäck, die neue Scheibe "Turn Blue".
Die Black Keys melden sich zurück. Mit im Gepäck, die neue Scheibe "Turn Blue".

First Half Of The Record       

1# Weight Of Love

Der Opener auf der neuen Platte der Black Keys „Weight Of Love“ versucht in der gleichen Manier den Hörer in das Album hereinzuziehen, wie es einst „Breathe“ auf dem Pink Floyd Album "The Dark Side of the Moon" schaffte. Ähnlich wie bei „Breathe“ nimmt sich auch dieser Song Zeit sich zu erbauen. Gestreckt wird er mit zwei längeren Gitarrensoli, welche stark an Heldenverehrung kratzen. Gefallen tun sie auf jeden Fall. Sie bestechen mit Gefühl und Ästhetik. Das wundert aber jedoch keinen all zu sehr, da Gitarrist Dan Auerbach für sein Können an der Gitarre seit geraumer Zeit hohe Anerkennung in der Szene genießt. Jedoch trotz großer Fingerfertigkeiten von Seiten Auerbach's wirken sie im Kontext einer weiteren psychedelisch, progressiven Rockplatte entweder etwas klischeebehaftet oder wenig zeitgemäß. Mit stolzen 6:50 Minuten ist dieser Song auch der längste der Platte. Als Opener, gewaltig. Aber die Keys ruhen sich nicht darauf aus. Sie bleiben brav im Zeitplan.

2# In Time

In Time“ heißt der zweite Song der Platte, und „brav“ wird dabei zu einem guten Stichwort. Das Hauptmotiv der Leadgitarre brennt sich schnell ein und ist daher ein persönlicher Liebling. Lässig, stilsicher groovt es an das Ohr heran. Aber er bleibt trotzdem vergleichsweise harmlos. Böse Zungen könnten meinen, hier käme der erste austauschbare Song der Platte. Dieser Punkt könnte bei dem neuen Album der Black Keys das erste Anstößige für hart gesottene Fans bedeuten. Mittlerweile sind sie weit entfernt von dem Low-Fi Blues- und Garagerock Sound, welcher sie für die kleinen, treuen Fangruppen an ihrem Karriereanfang so schmackhaft gemacht hatte. Vergleiche zu den Alben „De Stijl“ und „White Blood Cells“ der White Stripes oder der Bluesrock Songs von Künstlern wie Seasick Steve und Reignwolf verblassen nun mit „Turn Blue“.

3# Turn Blue

Der gleichnamige Song des Albums nährt sich sichtlich mehr an dem psychedelischen Sound von Bands wie Tame Impala. Winzige Anekdote: Diese waren bereits 2010 Supportact auf der US-Tour der Band zum Album „Brothers“. Ziemlich soulful singt Dan Auerbach hier die Worte des Refrains: „I really don't think you know, there could be hell below“. Dieser zählt mit zu den eingängigsten Parts des Albums, obwohl er doch nicht wirklich lyrisch sehr gehaltvoll daher kommt. Aber bei den Black Keys ging es schon immer mehr um ihre rohen, verzerrten Gitarrenriffs und den stampfenden Drums, als um ihre lyrischen Bestleistungen. Diese schaffen es aber auch genauso wieder, bei diesem Album solide die Bekenntnisse eines zweifelnd, scheiternden Protagonisten vorzutragen. Die klassischen Themen des Bluesrock, welche fest in der Tinte Dan Auerbach's Handschrift eingeflossen sind. Es geht um das Leiden, das Gefühl im Vordergrund. Worte sind da nur die groben Werkzeuge, ein Mittel zum Zweck. Wie Blueslegende Robert Johnson einst im Delta mit seinem Song „Kind Hearted Woman Blues“ besang: „I got a kind hearted woman, do anything in this world for me. But these evil-hearted women, man they will not let me be“.

4# Fever

Dass die Keys Singles produzieren können, haben sie bereits beim letzten Album „El Camino“ mit „Lonely Boy“, „Gold On The Ceiling“ und „Little Black Submarines“ mehr als bewiesen. Als Dank gab es 2011 dafür drei Grammys. Ein für Bestes Rock Album und zwei für „Lonely Boy“ als Bester Rock Song und Beste Rock Performance. Derart viele sind es beim neuen Album nicht geworden, aber die Nummer vier auf dem Album, „Fever“ gehört definitiv dazu. Gnadenlos werden hier die Hooks aneinander gepeitscht. Ein treibender Bass, die stechenden Synthi, und das Falsett „Fever“, welches zu beginn jeder Strophe gesungen wird, tun ihr Übriges. Im Refrain packen sie das alles einfach zusammen und raus kommt der Hit. Dieser steckt nun seit einer Woche fest verankert in meinem Kopf. Wie oft ich mich schon dabei erwischt habe, wenn unbeobachtet, leise mit der Kopfstimme ein „Fever“ gegen den Wind zu hauchen.

5# Year In Review

Weiter geht es mit „Year In Review“. Dieser ist upbeat, poppig und tanzbar. Er zählt mit zu den wertigeren Songs der Platte.

6# Bullet in The Brain

An „Bullet In The Brain“ gefällt mir der Teil ab der Mitte, wenn das Tempo angezogen wird. Auch der Gitarren- (oder der Synthi?)-riff, am Ende klingen groß. Doch hier liegt wieder auch das Problem für manche bei „Turn Blue“. Die Arbeit von Produzent Danger Mouse hinterlässt sichtbar tiefe Spuren auf dem Langspieler. Gerade wenn man nach dem ursprünglich schroffen, ungeschliffenen Sound der Band urteilt, nennt man dieses Album wohl „overproduced“. Das muss in anderen Augen auch gar nichts schlimmes bedeuten, bringt es doch die Keys wieder einmal auf ein anderes Level. Den Progress einer Band stoppen zu wollen, ist ja auch wahrlich unsinnig. Wer weiß, vielleicht praktizieren sie bald schon stadionkompatibel die Wiederkehr des Glam Rock. Eines kann man den Black Keys auf jeden Fall zugute halten: Sie wissen zu überraschen.

Second Half Of The Record

7# It's Up To You Now

Diese startet sofort mit hämmernden Drums an vorderster Front. Es wird dreckiger. Trotzig singt Frontman Dan Auerbach „It's Up to You Now“. Ein Lederjackensong, der lässig, Kragen aufstellend, seine Unbekümmertheit demonstriert. Besonders aufregend ist der heftige Drumbreak ab der Mitte des Liedes. Böse, schreiende Gitarrensoli zeigen die Keys in bester, alter Manier.

8# Waiting On Words

Mit „Waiting On Words“ kommt die Ballade des Albums. Dan Auerbach singt mithilfe der Falsett Stimme sein Herz aus. Er seufzt, haucht, flüstert. Definitiv der intimste Moment mit Auerbach, auf dem bisherigen Album. Manche werden das auch nicht mögen. Aber wenn man es tut, dann haben wir hier einen der stärksten Songs der Platte.

Doch oh Schreck. Sehen Sie sie lieber diesen Song als den letzten, offiziellen Track der Platte an. Tun Sie es zu ihrem eigenen Wohl.

The Black Keys
The Black Keys

9# 10 Lovers

Die letzten drei Songs sind im Vergleich mit allen, die davor kamen, wenig anmutend. Diese unangenehm stechenden Synthitöne, welche unaufhörlich, ohne Rücksicht auf Verluste, vermögen die Melodie der Gesangsstimme im Refrain nachspielen zu müssen. Das löst bei mir innerlich Unbehagen aus. Nein „10 Lovers“. Es ist aber auch wirklich einfach nicht schön.

10# In Our Prime

Immer noch innerlich aufgekratzt, denke ich: oh Pianoballade. „In Our Prime“ hat begonnen. Gefühlt besteht es aus vier Songteilen, die allesamt nicht so recht zusammengehören wollen. Wahrscheinlich sind es weitaus mehr. Es macht einfach keinen Sinn. Souliger Piano-Anfang. Dann eine nervende Temposteigerung, die mit ihrer Dauer immer mehr, einem das noch relativ positiv gebliebene Restgefühl des vorigen Abschnittes Streitichmachen zu versucht. Und Pink Floyd geben sich wieder die Ehre. Hör ich da einen Wecker im Hintergrund ticken? Ich fühl mich, als hätte ich gerade ein Klischee-Schelle kassiert. Da bringt das David Gilmour Cover Gitarrensolo auch nichts mehr. Das Album war bis dahin eine ziemlich gute Show, wenn auch gegen Ende Kräfte zerrend. Ich fühl mich ganz schön mitgenommen auf dem Weg zum Ausgang.

11# Gotta Get Away

Unbeschreibliche Ironie ist es dann wohl, wenn mich auf dem letzten Song des Albums „Gotta Get Away“ dann diese Happy-Go-Lucky Melodie zu treffen vermag. Aber ich stelle ja schließlich, angeschlagen, wie ich bin, auch ein leichtes Ziel dar. „Gotta Get Away“, aber schnell, denk ich mir. Die Lyrics sind wahrscheinlich mit die einfallslosesten, plakativ dargebotenen Lyrics der Band überhaupt jemals. „I went from San Berdoo to Kalamazoo, just to get away from you. I searched far and wide, hopin' I was wrong, but baby all the good woman are gone“. So lesen sich die Zeilen des Refrains. Ich schüttel meinen Kopf. Traurig schaue ich auf die Anzeige des CD Players. Da steht nur 11/45:09. Bei Musik ist die Liebe einfach schwerwiegend. Play. Und Hallo „Weight Of Love“, wie schön es ist, dich wieder zu sehen.        

 

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Markus Lindner
26.05.2014 - 14:56
  Kultur

The Black Keys: Turn Blue

Tracklist:
  1. Weight Of Love
  2. In Time
  3. Turn Blue
  4. Fever
  5. Year In Review
  6. Bullet In The Brain
  7. It's Up To You Now
  8. Waiting On Words
  9. 10 Lovers
  10. In Our Prime
  11. Gotta Get Away
Erscheinungsdatum: 09.05.2014
Nonesuch Records (Warner)