Lehrstellenmarkt

Azubis mit Abi

Wer Abitur macht, der geht auch studieren - diese Schlussfolgerung gilt jedoch nur für dreiviertel der Abiturienten. Bundesweit werden Azubis mit Abi immer mehr. Aber wie sieht die Lage in Leipzig aus? Und was bewegt die Abiturienten?
Ausbildungszufriedenheit
Ist eine Ausbildung für junge Menschen ein zufriedenstellender Weg?

Seit in einigen Bundesländern auf das achtjährige Gymnasium umgestellt wurde und dadurch in einigen der letzten Jahre doppelt so viele Abiturienten die Schule abschlossen, nimmt die Zahl der Abiturienten, die eine Lehre  beginnen, zu. Der Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung bestätigt: In fünf Jahren hat die Zahl der Azubis mit Abitur um vier Prozent zugenommen.

"Ich hatte keine Lust zu studieren"

Anne Pönichen steht lächelnd hinter dem Tresen des kleinen Schreibwarenladen in der Mädlerpassage. Seit acht Jahren arbeitet sie nun schon hier: Sie hat drei Jahre Ausbildung gemacht – und ist danach geblieben. 2006 hat sie ihr Abitur gemacht und sich dann aus einem einfachen Grund für eine Ausbildung entschieden.

"Ich hatte keine Lust zu studieren und war froh, dass ich endlich aus der Schule raus war. Und dann dachte ich mir: Ok, dann möchte ich erstmal in Kontakt kommen mit Menschen und so - und nicht wirklich im Hörsaal sitzen und zuhören." Anne Pönichen, Mitarbeiterin eines Schreibwarenladens

Das hat funktioniert: Sie ist glücklich mit ihrem jetzigen Job und bereut es keine Sekunde, nicht studiert zu haben. Auch ein weiterführendes Studium nach der Ausbildung kam für sie nicht in Frage.

Die Gründe sind vielfältig

Thomas Hoffmann ist Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig. Er weiß, dass es viele Gründe für Abiturienten gibt, sich nach dem Abi für eine Ausbildung zu entscheiden.

"Vielleicht kriegen sie nicht den Studienplatz, den sie sich gewünscht haben [...] aber die andere Seite ist: Es gibt natürlich auch ganz lukrative Ausbildungsmöglichkeiten, dann hat man auch als Abiturient dort sicher bessere Chancen." Thomas Hoffmann, Geschäftsführer der IHK Leipzig

Es sind aber nicht nur die guten Aufstiegsmöglichkeiten. Unter den Azubis, die Abitur haben, sind auch einige Studienabbrecher: Sie suchen nach einem neuen Weg, wenn es mit dem Studium nicht funktioniert hat.

Klassischerweise sind es Bereiche wie kaufmännische Berufe oder der öffentliche Dienst, in denen die Abiturienten bessere Chancen als andere Schulabgänger haben, sagt Thomas Hoffmann. Betriebe gehen davon aus, dass die sozialen Kompetenzen der Abiturienten besser sind. Außerdem haben sie eine breitere Bildung.

"Die Chancen sind aber gleich verteilt"

Die nahliegende Frage lautet nun: Verbauen Abiturienten anderen Schulabgängern die Chancen? Thomas Hoffmann sagt Nein. Eine Einschränkung für Azubis mit niedrigeren Schulabschlüssen gäbe es nicht.

"Mittlerweile hat sich der Markt fast komplett gedreht - vor 6 Jahren hatten wir noch doppelt soviel Schulabgänger wie heute. Es sind also in allen Bereichen genug Lehrstellen vorhanden - sodass diese kaufmännischen Berufe genauso mit Realschulabgängern besetzt werden wie das mit Abiturienten der Fall ist. Es ist ein Kampf um die Absolventen entbrannt." Thomas Hoffmann, Geschäftsführer der IHK Leipzig

Mittlerweile gibt es mehr angebotene Lehrstellen als Bewerber. Das neue Ausbildungsjahr 2014 ist schon gut zwei Wochen alt – und es gibt noch fast 400 freie Stellen im Raum Leipzig. Die Unternehmer kämpfen mit allen Mitteln um die Schulabgänger – sie locken mit vielfältigen Weiterbildungsmöglichkeiten, mit Aussichten auf mehr Gehalt und guten Aufstiegschancen. Das hat sich auch die IHK Leipzig zum Ziel gesetzt: Abiturienten sollen schon vor dem Schulabschluss verstehen, dass nicht nur ein Studium Aussicht auf Karriere verspricht.

Das geht besser!

Auch wenn jeder vierte Azubi Abitur hat: Thomas Hoffmann wünscht sich, dass diese Zahl noch weiter steigt. Die Wirtschaft brauche nicht nur studierte Ingenieure, sondern vor allem gut ausgebildete Facharbeiter. Nur so ließe sich in den kommenden Jahren der Fachkräftemangel beheben. Nachwievor sei es nicht einfach, an die Abiturienten "ranzukommen". Eine Ausbildung nach dem Abi sei gesellschaftlich nicht unbedingt erwünscht. Die IHK wünscht sich besseren Zugang zu den Schulen und den Abiturienten noch vor ihrem Abschluss.

Ein Umdenken und eine flexiblere Einstellung zur beruflichen Zukunft von Abiturienten haben hier noch nicht stattgefunden – da heißt es eben immer noch: Wer aufs Gymnasium geht, der soll auch studieren!

 

mephisto 97.6 - Redakteurin Verena Ritter über Abiturienten, die sich für eine Ausbildung entscheiden.
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Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung:

2012 hatten 42,3 Prozent der Azubis einen Realschulabschluss, gefolgt von den Hauptschulabgängern mit 30,8 Prozent. Knapp ein Viertel, 24 Prozent der Auszubildenden begann die Lehre mit Abitur.