CD der Woche

Auf der Traumodyssee

Beach House begeistern Fans und Kritiker mit träumerischer Popmusik. Trotzdem genießt die Band keinen Weltruhm. Mit ihrem neunen Album haben sie sich von Erfolgsvorstellungen verabschiedet. Sie machen lieber einfach Musik.
Beach House meiden die großen Bühnen. Die Band mag es lieber verträumt und intim.

Das amerikanisch-französische Duo um Sängerin Victoria Legrand und Gitarristen Alex Scally ist eines der vielleicht beständigsten der jüngeren Popgeschichte. Trotzdem sind Beach House der ewige Geheimtipp. Der Grund ist vor allen Dingen die Nische, in der es sich die Band gemütlich gemacht hat. Die wird in internationalen Musikjournalen als Dream Pop bezeichnet. Bei Beach House bedeutet das: Orgelartige Keyboard-Klänge, seicht-verzerrte Gitarren und einem Gesang, der zum Gang durch den Hasenbau einlädt. Dabei verzichtet die Band bewusst auf Bassgitarren und Schlagzeuge, sondern verlässt sich lieber auf die eigenen Instrumente und einen museumsreifen Drum-Computer.

Zurück zur Leichtigkeit

Zuletzt haben Beach House sich von diesem Klangkonzept mehr und mehr entfernt. Mit ihren letzten beiden Alben „Teen Dream“ und „Bloom“ hat die Band zwei in den USA kommerziell erfolgreiche und hochgelobte Alben veröffentlicht. Auf denen wurde die Drummachine durch einen echten Schlagzeuger ersetzt und die Arrangements poppiger. Die Single „Whishes“ aus dem letzten Album war der Höhepunkt der Entwicklung bisher. Das soll sich nun ändern. Das fünfte Album, „Depression Cherry“, wird vermutlich keine Erfolgsgeschichte. Beach House wollen zurück zum Ursprung, zurück zu kryptischen, verwirrten Liebesgeschichten an fernen Orten, zurück zur Leichtigkeit, zurück in die kleineren Konzerthallen, in denen alles ein bisschen intimer war.

In general, this record shows a return to simplicity, with songs structured around a melody and a few instruments, with live drums playing a far lesser role. With the growing success of Teen Dream and Bloom, the larger stages and bigger rooms naturally drove us towards a louder, more aggressive place; a place farther from our natural tendencies. Here, we continue to let ourselves evolve while fully ignoring the commercial context in which we exist.

Beach House  // Mai 2015

In anderen Sphären

"Depression Cherry“ ist eine Renaissance in der zehnjährigen Bandgeschichte; eine Wiederentdeckung alter Ideen und Klangkonzepten. Trotzdem ist das neue Album eine musikalische Weiterentwicklung. Da lässt es sich schon am Opener „Levitation“ erkennen, was die Band in den letzten zehn Jahren alles gelernt hat. Das Keyboard eröffnet das Album mit einer Bassmelodie, die vor allen Dingen aus einem Ton besteht, der leise anfängt und immer weiter wächst. Jenseits davon erklingt der für frühere Beach House-Songs so typische Drum-Computer. Lediglich die kurze Zeit später einsetzende Gitarre, die so offensichtlich träge geslidet wird, erinnert musikalisch daran, dass hier zwei scheinbar höchst emotionale Menschen zugange sind. Bis Legrands Gesang einsetzt. Der ist klanglich zwar in ganz anderen Sphären, wirkt aber gleichzeitig so menschlich und nah, als wäre er gar nicht Teil des Songs, sondern eine Erinnerung oder ein Gedanke, der seinen Weg aus dem Geist der Hörer_in in das Lied findet.

Auf so viel Besinnlichkeit folgt mit der ersten Single des Albums, „Sparks“, der dynamischste Song des Albums. Klanglich ist der Titel eine Erinnerung an die letzte Platte. Der Schlagzeuger Chris Bear ersetzt hier ausnahmsweise die Maschine. Dabei entsteht der vielleicht schönste Musikmoment des Jahres: Der Bruchteil einer Sekunde im Refrain, in der die ganze Band aufhört zu spielen. Da nehmen Beach House ihre Hörer_innen an die Hand, um sie dann mitten im Traum einfach loszulassen. Ähnlich auf sich allein gestellt ist die Hörerschaft in „PPP“. Legrand flüstert in manchen Momenten so intim ins Mikrophon, dass man sie kaum versteht und trotzdem genau weiß, was gemeint ist. Und als sei das nicht aufreibend genug, entfacht das Duo zum Ende des Songs einen musikalischen Sternenschauer, der gerade dann aufhört, wenn er am schönsten ist. Die Instrumente verlieren sich auf ihrer Traumodysse, auf der Alex Scally subtil zeigt, wie groß sein Anteil am Sound der Band ist. Die Gitarre, die bei Beach House oft in den Hintergrund gerät, klingt auf „Depression Cherry“ so sehnsüchtig und genüsslich wie nie zuvor.

In intimsten Augenblicken

Beach House sind eben nicht länger nur noch Geschichtenerzähler, sondern Gleichgesinnte ihres Publikums; Gefährten in ihren intimsten Augenblicken. Die Band beweist das nicht nur musikalisch. Im Song „Beyond Love“ befreit ein verschwörerischer Satz von Traurigkeit und Angst („They take the simple things inside you and put nightmares in your hands“). Im Rausschmeißer „Days Of Candy“ offenbart sich die klangliche Tendenz zur Trance im mantrisch wiederholten Refrain („I know it comes too soon, the universe is riding off with you“). Dabei sind die Texte nicht ein Gefallen an die Hörer, mit denen die Band Zustimmung erschummeln will. Stattdessen stehen die Lyrics für sich. Beach House erzählen von keinen Clicheés, die jeder irgendwoher zu kennen glaubt. Sie erleben transzendente Erinnerungen, Verwirrungen und Leidenschaften, die außerhalb jeglicher Realität liegen.

Fazit

Man muss sich an die weltfremden Klänge von Beach House sicherlich gewöhnen. Doch am Ende wird man feststellen, dass es auf „Depression Cherry“ keinen einzigen schlechten Song gibt. Stattdessen klingt das Album sanft und zugleich auffordernd. Beach House vereinen alles, was ihre bisherigen Alben so herausragend gemacht haben, auf einer Platte. Damit stellt die Band Musikkritiker auf der ganzen Welt vor ein Problem. Schließlich will sich selbst der geneigte Indie-Blogger nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Oder in anderen Worten: Beach House haben mit ihrem fünften Album „Depression Cherry“ vielleicht ein Pop-Meisterwerk geschaffen.

 

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Lars-Hendrik Setz
31.08.2015 - 00:57
  Kultur

Beach House : Depression Cherry

Tracklist:
  1. Levitation
  2. Sparks*
  3. Space song
  4. Beyond love*
  5. 10:37*
  6. PPP*
  7. Wildflower
  8. Bluebird
  9. Days of candy

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 28.08.2015
Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade

Beach House im Web 2.0:

Dass die Songs auf "Depression Cherry" an alte Songs von Beach House erinnern, scheint kein Zufall. Schließlich haben Beach House auf ihrer Homepage den Songfinder veröffentlicht. Das Konzept: Fans wählen von allen bisherigen Beach House-Songs 3 aus und bekommen eine Empfehlung für das neue Album. Dazu geht es hier entlang.

 

Der Musikblogg Pitchfork hat anlässlich des neuen Albums mit Beach House gesprochen. Für ewige Liebhaber, die zum zehnten Geburtstag der Band einfach Revue passieren lassen wollen, oder für alle, die es werden wollen, gibt es dazu einen Abriss über das Werk der Band. Das Portrait gibt's hier.

 

2013 veröffentlichte Pitchfork TV einen halbstündigen Kurzfilm, in dem Beach House  an unterschiedlichen Orten in der Nähre der texanischen Stadt El Paso spielen. Der sieht nicht nur schön, sondern featured gleich vier Songs des Erfolgsalbums "Blooms". Hier entlang.

 

Beach House spielen am 16. 11. im Huxley's Neue Welt in Berlin.