Oper Leipzig

Auf der Suche nach dem Richtigen

Am Samstagabend feierte in der Oper Leipzig "Arabella", die letzte gemeinsame Oper des Erfolgsduos Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, ihre umjubelte Premiere.
Arabella und Mandryka
Streit und Versöhnung: Arabella (Betsy Horne) und Mandryka (Tuomas Pursio)

Das Wien von 1865 ist mit seinen rauschenden Bällen und seinem aristokratischem Flair zwar oberflächlich gesehen heiter und voller Walzerseligkeit, doch hinter der morschen Fassade dieser scheinbar glanzvollen Epoche bröckelt es gehörig. Der spielsüchtige und darum hochgradig verschuldete Graf Waldner sucht händeringend nach einer Lösung, um dem endgültigen finanziellen Ruin zu entkommen. Sein Ass im Ärmel ist seine schöne Tochter Arabella, die er an einen reichen Adligen zu verheiraten gedenkt.

Auf der Suche nach einem geeigneten Kandidaten steigt er, um den schönen Schein zu wahren, mit seiner Familie in einem Wiener Luxushotel ab. Da der Familie das Geld für eine angemessene Ausstattung fehlt, wird Arabellas jüngere Schwester Zdenka als Junge verkleidet, was jedoch im weiteren Verlauf der Handlung zu einigen fatalen Verwicklungen führt. An Verehrern mangelt es Arabella nicht, doch sie will auf den "Richtigen" warten, der alsbald in Gestalt des reichen Gutsbesitzers Mandryka auftaucht. Doch die Liebe auf den ersten Blick wird durch wilde Verdächtigungen Mandrykas getrübt, der Arabella aufgrund eines abgefangenen Liebesbriefs samt Zimmerschlüssel Untreue unterstellt. Dieser Brief stammt von der unglücklich in Matteo (einer von Arabellas Verehrern) verliebten Zdenka, die sich für ihre Schwester im Dunkel der Nacht "opfert" und dem Offizier hingibt. Am Schluss klären sich alle Missverständnisse und Arabella reicht ihrem Verlobten nach altem Brauch ein Glas Wasser. Ende gut, alles gut.

Schlussbild Ensemble "Arabella"
Schlussbild: Arabella (Betsy Horne) verzeiht Mandryka (Tuomas Pursio)

Düsternis und Leere statt Art déco

Regisseur Jan Schmidt-Garre und Bühnenbildnerin Heike Scheele versetzen das Stück laut Programmheft aus dem Ende des 19. Jahrhunderts in die Zeit um 1930. Dabei gibt es jedoch kein elegantes, stilvolles Bühnenbild, sondern vor allem einen leeren, nackten, durchgehend düsteren Raum, in dem lediglich einzelne Versatzstücke einer Hotelsuite lautstark hin und her geschoben werden, was sich insbesondere beim Schlussduett als störend erweist. Bei der Ballszene erwartet den Zuschauer kein hell erleuchteter Saal, sondern lediglich die grau-schwarzen Rückseiten der Dekoration, die erst im Schlussbild zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt werden. Die Intention dahinter: die Figuren und ihr Handeln stehen im Zentrum des Geschehens, das abstrakte Bühnenbild soll dies unterstützen und keinesfalls durch übertriebene Opulenz ablenken und gleichzeitig auf die brüchigen Verhältnisse der damaligen Zeit hinweisen. Dennoch, für eine Oper, die trotz melancholischer Zwischentöne einen durchweg heiteren und hoffnungsvollen Grundtenor hat, ist es ein insgesamt zu düsteres Bild. Weniger ist eben nicht immer gleich mehr.

 

Theaterredakteurin Eva Hauk im Gespräch mit Moderatorin Ina Beyer zur Leipziger Premiere von "Arabella"
Theaterredakteurin Eva Hauk zur Premiere von "Arabella"

Starke Frauen im Fokus

Wie in den meisten Opern von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal steht auch in "Arabella" eine starke Frauenfigur im Fokus der Handlung. Denn anstatt einer simplen Geldheirat strebt sie eine Ehe aus echter Liebe an und will ihre Zukunft selbst gestalten, mit einem Mann  ihrer Wahl. Für diese selbstbewusste Titelpartie bedarf es einer stimmlich herausragenden Sängerin, die sowohl das Mädchenhafte als auch die frauliche Reife und Besonnenheit glaubhaft widergeben kann. Betsy Horne erfüllte alle diese Voraussetzungen und begeisterte mit wundervoll warmem, in allen Lagen tonschönem jugendlich-dramatischen Sopran, der den Vergleich mit großen Vorbildern nicht zu scheuen braucht. In nichts nach stand ihr darin Olena Tokar in der Hosenrolle der Zdenka, die mit herrlich leichtem, klaren und in der Höhe aufblühendem lyrischen Sopran ebenfalls begeisterte und die aufopferungsvolle, zwischen zwei Identitäten zerrissene Schwester glaubhaft verkörperte. Ebenfalls großartig gesungen wurde die schwierige, weil unangenehm hoch liegende Partie des Mandryka von Tuomas Pursio (anstatt des ursprünglich angekündigten Thomas J. Mayer), der mit kraftvollem, schön timbrierten Bariton auch die heiklen Höhen ohne Forcieren überzeugend meisterte. Sein leidenschaftlicher Mandryka ist gar kein so ungeschlachter Bauerntölpel, sondern ein fast weltmännischer Gutsbesitzer, der aus Frust über die scheinbare Untreue Arabellas sogleich einen heißen Flirt mit der koketten Fiakermilli beginnt und zeitweise zum überheblichen Dandy mutiert. Für die erkrankte Jasmina Sakr sprang hier kurzfristig Daniela Fally ein, welche die Fiakermilli mit blitzsauberen Koloraturen und keckem Augenzwinkern sang. Markus Francke gab mit lyrischem Tenor den verzweifelten, weil von Arabella endgültig abgewiesenen Matteo, dem man einen Selbstmord aus Liebe durchaus zutraut. Die drei Arabella-Verehrer Graf Elemer (Paul McNamara), Graf Dominik (Jürgen Kurth) und Graf Lamoral (Sejong Chang) sind diesbezüglich nicht ganz so fatalistisch und stürzen sich nach Arabellas Abschied munter wieder in die rauschende Ballnacht. Stimmlich schwach (und im Gegensatz zu den anderen Sängern) auch von der Textverständlichkeit her gesehen undeutlich war der Graf Waldner von Jan-Hendrik Rootering, Renate Behle als seine besorgte Frau Adelaide wusste da mehr zu überzeugen.

Die oft als Nachfolger vom "Rosenkavalier" bezeichnete lyrische Komödie ist trotz (oder gerade) wegen ihrer Doppelbödigkeit und vermeintlichen Nähe zur Operette alles andere als ein leichtes Stück. Das Gewandhausorchester unter der Leitung von Ulf Schirmer zog alle musikalischen Register der spätromantischen Partitur ohne dabei zu sentimental oder zu laut zu werden und bot klangfarblich differenzierte, sinnliche Harmonien.

Das Premierenpublikum belohnte die Mitwirkenden mit viel Applaus und lauten Bravo-Rufen. Fazit: ein inszenatorisch schwacher, dafür aber musikalischer Hochgenuss zum Abschluss der Spielzeit.

 

Zdenka und Matteo
Zdenka (Olena Tokar) will Matteo (Markus Francke) retten

 

 

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Weitere Aufführungen:

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