Ausstellungskritik

Auch Frauen tragen Springerstiefel

Rechtsradikale Frauen und Mädchen sind ein kaum diskutiertes Thema. Eine Ausstellung der Antonio-Amadeu-Stiftung in Leipzig beschäftigt sich nun mit dem Blick der Ermittlungsbehörden auf weibliche Neonazis während der DDR.
Drei weibliche Neonazis werden von der Polizei fotografiert.
Polizeifoto dreier weiblicher Neonazis.

Sie ist das Gesicht des NSU-Prozesses. Sie steht im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Beate Zschäpe. Rechtsradikal. Und eine Frau. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise stehen dort an der Anklagebank kahlrasierte, martialische Männer, denn das klassische Bild vom Neonazi ist männlich.

Mit dem Blick auf rechtsextreme Frauen beschäftigt sich derzeit auch eine Ausstellung im Stasi-Unterlagen-Archiv Leipzig. Als ich dort in den Ausstellungsraum komme, springt mir eine Sache sofort ins Auge: Ein großformatiges, schwarz-weißes Polizeifoto. Ich muss dreimal hinschauen, bis ich – trotz Ausstellungsthema – mit Sicherheit sagen kann: Das sind drei Frauen. Zwei eher unauffällig, eine aber in Militärhose und Springerstiefeln. Drei weibliche Neonazis in der DDR irgendwann in den 80er Jahren. Ein ungewohnter Anblick. Die Besuchenden und auch ich werden also unmittelbar mit den eigenen Klischees konfrontiert.

Der Blick der Sicherheitsbehörden

Primär beschäftigt sich die Ausstellung allerdings mit der Wahrnehmung rechtsextremer Frauen durch Stasi und Polizei. Dafür stellt sie uns drei Frauen und ein Mädchen vor, die in den Blick der Sicherheitsorgane gekommen sind. Neben Fotos von den vieren bekommt man einen kleinen Einblick in ihre Biographie und ihre Ermittlungs-Akten. Bei einer liest man z.B. im Vernehmungsprotokoll:

Ich bin auch so für KZs. Denn ich bin der Meinung, daß wir dann solche Probleme, wie den AIDS nicht hätten. Es wäre dann einfacher alles zu lösen und käme nicht zu einer Seuche. Die kämen dann in den Ofen und fertig.

Sabine P., Vernehmungsprotokoll November 1987

Der rechtsextreme Hintergrund scheint für die Ermittlungen bei den Frauen und Mädchen allerdings eher eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Eine Frau wird zum Beispiel wegen ihres in Anführungszeichen „asozialen“ Lebenswandels zu sechs Monaten Haft verurteilt, weil sie keiner Arbeit nachgeht und oft wechselnde Partner hat. Die Stasi wurde auf sie aufmerksam, weil sie mit einem führenden Neonazi zusammen war und bei sich zuhause regelmäßig Treffen mit Neonazis stattfanden. Das ist für die Ermittlungen aber schon bald irrelevant. Und zwar in dem Moment, wo die beiden sich wieder trennen. Dass sie weiterhin in der Szene ist, spielt dann keine Rolle mehr.

Sexismus beeinträchtigt Ermittlungen

Eine der Kuratorinnen der Ausstellung, Henrike Voigtländer, bringt die Ursachen für diese Betrachtungsweise auf den Punkt:

Wir haben das einmal in der sogenannten Pathologisierung, also das Frauen als vermeintlich psychisch krank oder neurotisch oder irgendwie was verstanden wurden und dadurch ihre politische Aussagekraft quasi nicht ernst genommen wurde. Dann haben wir weitere Kontinuitäten im Sinne von, das ist nur die Freundin von. Und das sind im Prinzip Wahrnehmungsmuster, die sich auch heute noch finden.

Henrike Voigtländer, Kuratorin der Ausstellung

Das Erklärungsmuster, dass rechtsextreme Frauen nur als "Freundin von" wahrgenommen werden, zeigt sich bis heute, etwa im Fall von Beate Zschäpe. Sie verwendete dieses Argument sogar bei ihrer eigenen Verteidigung.

Es gibt aber auch ein anderes Beispiel, bei dem eine sexistische Wahrnehmung die Ermittlungen beeinflusst hat, erzählt Voigtländer:

O-Ton „Rasterfahndung II“: Es gab zum Beispiel auch im Falle des NSU 2006 einen großen Fehler in den Ermittlungen, als die Polizei in Baden-Württemberg eine Rasterfahndung während den Ermittlungen einsetzte und dort erst einmal alle unter 18 und über 35-jährigen von den Ermittlungen ausschloss und dann auch alle Frauen. Und als Folge dessen blieb dann eine Unterstützerin des NSU, Mandy S., unerkannt.

Henrike Voigtländer, Kuratorin der Ausstellung

Frauen werden als politische Verbrecherinnen nicht ernst genommen

Frauen werden also bis heute nicht als politische Verbrecherinnen ernst genommen. Und das ist in diesem Fall nicht nur in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit ziemlich problematisch, sondern brandgefährlich. Die Ausstellung spannt also einen sehr sinnvollen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Ist diese Ausstellung also einen Besuch wert? Auf jeden Fall. Allein um die eigene Perspektive zu hinterfragen. Die Ausstellung ist mit acht Plakaten zwar recht überschaubar. Dafür konnte ich aber auch mit nur wenig Zeit einen umfassenden Eindruck bekommen.

Umso mehr Bedeutung bekommt die Ausstellung, da rechter Terror ganz sicher kein Problem der Vergangenheit ist.

Der Beitrag zum Nachhören:

Maximilian Berkenheide über die Ausstellung
Ausstellungsrezension rechtsextreme Frauen

 

 

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