Frisch gepresst: Fontaines D.C.

Atmosphärischer U-Turn

Nach ihrem Kometenhaften Aufstieg 2019 vollziehen Fontaines D.C. eine überraschende musikalische Wende – auf das leichtfüßige “Dogrel” folgt mit “A Hero's Death” ein düsteres, von den Strapazen einer schier endlosen Tour gezeichnetes zweites Album.
FONTAINES D.C.
FONTAINES D.C. - Foto: Ellius Grace

Das Jahr 2019 war für Fontaines D.C. mit ihrem Debut “Dogrel” und dem darauf folgenden Rausch aus Auftritten auf der ganzen Welt, Preisen und Anerkennung aus der ganzen Musikwelt von außen betrachter ein Bilderbuchstart – bis Corona auch der Dubliner Band erstmal den Terminkalender umwarf. Rückblickend war das wahrscheinlich mehr Segen als Fluch: Im Interview mit dem NME beschreibt Sänger Grian Chatten, wie der Touralltag die Band an ihre Grenzen brachte:

 

Ein paar von uns hingen eine Zeit lang ziemlich an der Flasche. Wir haben während der Tour fast nur Whiskey getrunken. Einen halben Liter oder so vor jedem Auftritt, einfach um durchzukommen, und hinterher ein bisschen mehr, um dann im Van einschlafen zu können. Wir haben nicht mehr richtig gegessen und sind wirklich auf dem Zahnfleisch gekrochen.

 

Grian Chatten im Interview mit dem NME

 

Eine Tour, die Spuren hinterließ

Die Entbehrungen der einzigen riesigen Tour, die 2019 für Fontaines D.C darstellte, haben auch das neue Album entscheidend beeinflusst: Während der Sound im großen und ganzen noch genauso minimalistisch post-punkig und treibend ist wie auf “Dogrel”, malen die Kompositionen und die dazugehörigen Texte ein düsteres Bild.

I was there
When the rain changed direction
And fled to play tricks with your hair
Overlooking them, there
And it's all coming back

Fontaines D.C. - A Lucid Dream

“A Lucid Dream” dreht sich um den surrealen Geisteszustand der Band während ihrer schier endlosen Tour, die sich irgendwann wie ein Wachtraum anfühlte; auf “I Don't Belong” drückt Chatten seine Entfremdung von den zahllosen Menschen, die er in der Zeit traf, und vom gefühlten eigenen Sellout aus und“Televised Mind” beklagt das verwässern menschlicher Ideen und Träume durch Massenmedien.

Restless Rock Syndrome

Vom Opener “I Don't Belong” zieht sich durch (fast) das gesamte Album eine rastlosigkeit, getragen von drückenden Drumbeats und dem meist monotonen Gesang von Frontmann Grian Chatten, der zwischen seinem sonoren Bariton in den ruhigeren Momenten und einer anrufenden, dramatischeren Stimmlage an den lauteren Stellen des Albums wechselt. Die Monotonie in seiner Stimme ist dabei keineswegs eine Schwäche -ganz im Gegenteil: Songs wie “Televised Mind”, “A Lucid Dream” oder “A Hero's Death”, die weitestgehend ohne wirkliche Melodien auskommen sind einprägsamer und einnehmender als die ruhigen Melodiöseren Stücke wie “Oh Such A Spring” oder der kleine Oasis-Moment der Platte, “No”.

Chattens Gesang wird auch durch die restliche Instrumentierung stimmig in Szene gesetzt: Die Band setzt mit einfachen, aber eingängigen Riffs die Stimmung des Songs und drängt sich nie in den Vordergrund. Ab und an fliegt auch eine kleine Synthiespielerei oder ein Gitarrenlick herein, nie wirken die Songs aber überladen: Gerade auf “Televised Mind” funktioniert das besonders gut.

Fontaines D.C. - Televised Mind

Klischee done right

“A Hero's Death” ist auf dem Papier ein absolutes Post-Punk Klischee: Vier weiße Dudes von den Britischen Inseln, die ernste Gitarrenmusik über ihre Entfremdung von der Gesellschaft machen – so weit, so schon tausend Mal dagewesen. Die großartig ineinander greifenden, minimalistischen Kompositionen, die Produktion, die die Athmosphäre perfekt zur Entfaltung kommen lässt und nicht zuletzt Frontmann Chaten mit seinem unverwechselbaren Gesang und seinen markanten Lyrics machen das Album aber schon jetzt zu einem Kandidaten für die Top 10 Listen am Jahresende.

 

 

 

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Fontaines D.C.: A Hero's Death

Tracklist:

I Don't Belong
Love Is The Main Thing
Televised Mind
A Lucid Dream
You Said
Oh Such A Spring
A Hero's Death
Living In America
I Was Not Born
Sunny
No
 

Erscheinungsdatum: 31.07.2020
Partisan Records