Digitalisierung

Arzneimittel per Mausklick

Der Apothekenmarkt befindet sich im Wandel. Immer mehr Menschen verzichten mittlerweile auf den Gang zur Apotheke und bestellen ihre Medikamente bequem im Internet. Kann die Versandapotheke die vor Ort in Zukunft ersetzen?
Immer mehr Menschen bestellen Arznei im Internet.
Wird die örtliche Apotheke in Zukunft überhaupt noch gebraucht, wenn man einfach und bequem im Internet bestellen kann?

Redakteurin Lea Kim Binger hat mit Dr. Michael Sauter (Löwenapotheke Leipzig) und Udo Sonnenberg (Bundesverband Deutscher Versandapotheken) gesprochen:

Lea Kim Binger über den Wandel des Apothekenmarktes
 

Ähnlich wie andere Branchen, bekommen auch die Apotheken zunehmend Konkurrenz aus dem Internet. Laut Bitkom-Umfrage bestellt heute in Deutschland jeder Dritte seine Medikamente online. Möglich ist das seit dem "Gesundheitsmodernisierungsgesetz" von 2004. Jede Vor-Ort-Apotheke mit einer Versandhandelserlaubnis kann seither auch Arzneimittel versenden. Mittlerweile gibt es über 5000 zugelassene Versandapotheken in Deutschland. Eine von ihnen ist die Löwenapotheke in Leipzig. Inhaber Dr. Michael Sauter musste jedoch feststellen, dass wenige große Händler das Geschäft unter sich ausmachen.

Wir sind damals auf alles Neue aufgesprungen, was es als Möglichkeiten gab. Ich würde aber sagen, die Einschätzung ist einer Ernüchterung gewichen.

Dr. Michael Sauter, Löwenapotheke

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker?

Den Großteil der Medikamente verkauft die Löwenapotheke weiterhin in der Filiale vor Ort. Die Kunden profitieren von der persönlichen Beratung. Sie finden in der Apotheke oftmals ein offenes Ohr, wofür dem Arzt die Zeit fehlt. Auf den ersten Blick scheint das der Punkt zu sein, bei dem Kunden von Versandapotheken Abstriche machen müssen. Allerdings werben diese neben Preisvorteilen oftmals mit individueller und kompetenter Beratung per 24-Stunden-Hotline oder Videochat. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes für Deutsche Versandapotheken Udo Sonnenberg, sieht keine Qualitätsunterschiede in der Beratung auf Distanz.

Die Kunden fühlen sich mittlerweile telefonisch oder über Videochat oder per Mail intensiv und gut beraten, sodass sie sagen, dass der klassische, persönliche Kontakt nicht erforderlich ist.

Udo Sonnenberg, Bundesverband Deutscher Versandapotheken

Arznei aus dem Internet ist oft günstiger
 

Die Diskretion einer Versandapotheke sei höher als bei einer kleinen Apotheke auf dem Dorf. Sensible Medikamente kaufe man schließlich ungern, wenn der Nachbar hinter einem in der Schlange steht. Aber wie steht es um die Diskretion mit den Kundendaten? Datenschutz werde, laut Udo Sonnenberg, im Arzneimittelversand groß geschrieben. Es gelten die selben Geheimhaltungsregeln, wie bei stationären Apotheken. 

Es ist nicht so, dass eine telefonische Bestellung die Runde macht. Die Aufzeichnung der Bestellung verbleibt in der Versandapotheke.

Udo Sonnenberg

Apotheker sind nur dort, wo Ärzte sind

In ländlichen Regionen sind die Veränderungen des Apothekenmarktes am stärksten zu spüren. Hier geht die Zahl stationärer Apotheken immer weiter zurück während immer mehr im Internet bestellt wird. In Sachsen haben laut dem statistischen Landesamt in den letzten Jahren rund zwanzig Apotheken geschlossen. Tendenz steigend. Das hängt eng mit der sinkenden Zahl an Ärzten auf dem Land zusammen. Internetapotheken könnten hier zwar die Grundversorgung an Medikamenten abdecken, die Notfallversorgung durch Nacht- und Notdienste der lokalen Apotheken kann jedoch nicht ersetzt werden. Sauter sieht Verantwortung bei der Politik und den Verbänden.

Es ist Aufgabe der Politik und der Verbände sicherzustellen, dass auch unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Patienten auf dem Lande nicht von der Versorgung abgehängt werden.

Dr. Michael Sauter

Wettbewerbsvorteile für ausländische Versandapotheken

Zuletzt sorgten die gesetzlichen Regelungen zur Arzneimittelpreisverordnung für ein Ungleichgewicht auf dem Apothekenmarkt. Grund dafür ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Herbst vergangenen Jahres. Seitdem dürfen Apotheken im europäischen Ausland Rabatte auf verschreibungspflichtige Arznei geben. Ausländische Versandapotheken, wie beispielsweise "DocMorris" können so günstige rezeptpflichtige Arzneimittel nach Deutschland versenden. Für deutsche Apotheken bleibt die Preisbindung weiterhin bestehen. Deutsche Kunden können von den Rabatten im Ausland profitieren, während die deutschen Apotheken das Nachsehen haben.

 

Alternative oder Ergänzung?

Udo Sonnenberg sieht Versandapotheken ganz klar als Ergänzung zur Apotheke vor Ort. Nicht nur weil jede Internetapotheke auch eine Vor-Ort-Apotheke als Basis braucht. Auch Dr. Michael Sauter von der Löwenapotheke kann sich einen Markt mit beiden Formen weiterhin vorstellen. Er hofft auf eine ähnliche Entwicklung wie im Lebensmitteleinzelhandel.

Ich denke, es wird in Zukunft Beides geben. Wenn man sich mal andere Branchen anguckt, wie zum Beispiel den Lebensmitteleinzelhandel. Dort gibt es ja auch Discounter. Ich vermute, dass es bei Apotheken ähnlich passieren wird, dass hier verschiedene Vertriebsformen nebeneinander existieren.

Dr. Michael Sauter 

Dann herrscht also Einigkeit? Nicht ganz. Mit Kampagnen wie Meine Gesundheitsgeschichte oder Wir sind ihre Apotheke positioniert sich die "Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände" (ABDA) klar gegen den Versandhandel. Sie stellen den Versandhandel infrage und betonen die Notwendigkeit von stationären Apotheken. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hatte sich zuletzt für ein Versandverbot von verschreibungspflichtigen Medikamenten stark gemacht.

 

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