M19 bei der Frankfurter Buchmesse

Angst und Zukunft

Sie gehört zum Bücherherbst, wie die Leipziger Buchmesse zum Bücherfrühling: die große Branchenmesse in Frankfurt. Abertausende von Büchern werden hier alljährlich präsentiert, oft von ihren Autoren selbst.
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Volle Gänge in der Frankfurter Buchmesse

Eine wilde Traumreise

Eigentlich handelt der Roman von einer simplen Geschichte, ein Roadnovel zum Erwachsenwerden, doch der Titel Mein Vater war ein Mann an Land ein Mann und im Wasser ein Walfisch verspricht mehr. Eine unerhörte und gewalttätige Begebenheit sorgt dafür, dass Loribeth sich auf den Weg macht mit einem Koffer ihren Vater zu finden. Sie reist vom Land in die Stadt zum Hafen. Dabei bleibt sie zwar immer wieder hängen, doch ihr Ziel verliert sie nicht wirklich aus den Augen.

Steinbeck

 

Doch die Geschichte lebt nicht von der simplen Handlung. Die Autorin Michelle Steinbeck entwickelt ganz absurde und gleichzeitig wunderbare Bilder und lässt dabei vieles im Unklaren. Der Leser erfährt nicht, ob die ganze Geschichte nur ein Traum ist oder die Welt in Steinbecks Roman einfach nach den Regeln eines Traums folgt. Vielleicht ist das aber die zentrale Aufgabe des Buches, nämlich die Welt zu hinterfragen. Die Geschichte, sofern es nicht nur um die Bilder geht, kann auch als Erweckungsgeschichte gelesen werden. Der Koffer wird zur Last eines früheren Lebens, die abgelegt werden muss, jede Station kann als Prüfung gelesen werden.

Autorin Michelle Steinbeck liest aus ihrem Roman

Das ist auch die Herausforderung und Stärke dieses Romans. Der Leser kann sich nicht einfach nur in die Geschichte fallen lassen, er muss sie suchen in den wilden Bildbeschreibungen und ihre Bedeutung selbst festlegen. Vielleicht sollte man das Buch Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch von Michelle Steinbeck auch zweimal lesen, aber die Zeit kann man sich auch nehmen.

Moderator Thilo Körting im Gespräch mit der Autorin Michelle Steinbeck
steinbeck gespräch

Ein seltsames Gefühl in der Welt

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Kathrin Röggla

Jede Gruselgeschichte hat ihren Ursprung in unserer seltsamen Welt, in dem Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl vermittelt auch Kathrin Röggla in ihren unheimlichen Geschichten, die sie in dem Band Nachtsendung gesammelt hat. Menschen warten am Flughafen auf ihren Flug, zwei Mütter unterhalten sich über Kindermord, eine Familie fährt über die Autobahn, die sich wie ein Schlachtfeld anfühlt.

So seltsam das Gefühl auch sein mag, das Röggla in ihren kurzen Erzählungen weckt, so sehr beziehen sie sich auf unsere Welt. Sie überzeichnet den Kapitalismus, das Ungebundene, die Aufstiegssorgen der Mittelschicht. Es sind Geschichten voller Ängste und Gewalt, die sehr untergründig und realistisch das Gefühl von Grusel erwecken. Denn gleichzeitig besitzen die Überzeichnungen auch Witz in ihrer Absurdität.

Die Autorin Kathrin Röggla liest aus ihrem Buch "Nachtsendung"
röggla lesung

Sehr geschickt schafft es Röggla auf wenigen Seiten tiefgründige Szenen zu entwickeln. Allerdings sind die Geschichten nicht so losgelöst, wie ein erstes Durchblättern vermuten lassen würden. Vielmehr sind alle Geschichten miteinander verknüpft, es gibt Wiederholungen und Spiegelungen. Aber dennoch stehen die Geschichten für sich – zum Glück, denn sie sind so dicht gestaltet, dass es schwer fällt, die ganze Unheimlichkeit auf einmal zu ertragen.

Moderator Thilo Körting im Gespräch mit der Autorin Kathrin Röggla
röggla-interview

Die nächste Generation

Ganz allein steht Nio Schulz mitten in HTUA China und doch fließt die ganze Welt durch seinen Kopf. Auf seinen Brillengläsern werden ständig neue Informationen hereingespult über die Geschehnisse in der Welt, die persönlichen Updates von sogenannten Bekannten und natürlich die neuesten Angebote des Mega-Kaufhauses. So stellt sich Eugen Ruge, ausgehend von der Gegenwart, die Welt eines fiktiven Enkels vor.

Ruge
Eugen Ruge

Follower ist ein Zukunftsroman, der eine Welt zeigt, die komplett den Konzernen gehört, die eigentlich gar nichts mehr verkaufen können, weil so viel mehr digital stattfindet. Nio Schulz versucht sich mehr schlecht als recht in dieser Welt zu behaupten und steht dabei permanent unter Beobachtung, was sein Handeln über die Maßen beeinflusst und verunsichert. Da besteht Optimierungsdruck – und wegen der großen Vernetzung permanent: jede Bewegung muss sitzen, jede Aussage korrekt sein, jede Aktion von Bedeutung.

Autor Eugen Ruge liest aus seinem Roman "Follower"
ruge lesung

Ruge schafft damit tatsächlich Spannung. Sein Text ist ein nicht enden wollender Strudel, denn die 14 Kapitel bestehen wie im Untertitel versprochen aus 14 Sätzen. Die sind zwar nicht so kompliziert konstruiert, dass man nicht auch hier und dort einen Punkt vermutet, doch wem die Kommata am Ende des Absatzes auffällt, bleibt mit der subvokalen Stimme oben und verliert sich vielleicht auch in dem Fluss von Gedanken. Dazwischen finden sich immer wieder Unterlagen einer Geheimpolizei, die den Leser zusätzlich unter Spannung setzen: Während der Text oft mehr vor sich hinplätschert lassen die Untersuchungen vermuten, dass hier noch etwas Großes passieren wird. Doch das soll hier noch unerwähnt bleiben.

Nur ein Kapitel fällt heraus: Die gesamte Ahnengeschichte bis zur Ankunft des Nio Schulz in dieser Welt. Ruge schreibt hier eine Genealogie die vom Urknall über die Evolution bis zum gesamten Stammbaum mit all seinen Individuen reicht. Das erweckt das wunderbare Gefühl von Zielgerichtetheit der Welt, fast schon etwas wie Schicksal. Gleichzeitig geht es im Roman aber auch um Vererbung, wie sich Ansichten und Verhalten vererbt, aber vielleicht auch, welche Welt wir weitergeben.

Moderator Thilo Körting im Gespräch mit Autor Eugen Ruge
Ruge Interview
 

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Thilo Körting
29.10.2016 - 16:22
  Kultur

Die Bücher

Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an land und im Wasser ein Walfisch

Lenos Verlag, 153 Seiten, 19,90€

Kathrin Röggla: Nachtsendung. Unheimliche Geschichten

S. Fischer, 288 Seiten, 22€

Eugen Ruge: Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel

Rowohlt, 320 Seiten, 22,95€