Musik-Highlights: KW20

Alles neu macht der Mai

Die Bienen summen, der Sommer naht. Auch Vorfreude braucht den richtigen Soundtrack. Deshalb haben wir uns wieder einmal umgehört und die vielversprechensten Releases der Woche zusammengesammelt.
Musikhighlights der Woche
Unsere Musikhighlights der Woche

Frisch Gepresst: Unser Album der Woche kommt von I Break Horses und trägt den Titel „Warnings“. Die Rezension findet ihr hier.

Thao & The Get Down Stay Down – „Temple“

Album-VÖ: 15.05.2020

Als „Statement“ werden in der Fachpresse häufig Alben bezeichnet, die für die KünstlerInnen dahinter einen offensichtlichen Umbruch markieren, hin zu neuen künstlerischen Ufern. So ein Statement ist auch der kalifornischen Singer-Songwriterin Thao Nguyen mit ihrem neuen Album „Temple“ gelungen, und das gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen weil sie mit ihrer Band Thao & the Get Down Stay Down musikalisch noch weiter an Eigenständigkeit hinzugewonnen hat, zum anderen weil sie damit auch ihr persönliches Coming-Out als queere Person ankündigt, was sie bisher vor ihrer Familie und ihrer vietnamesischen Community geheim gehalten hatte. In ihren Texten verarbeitet Thao dies weniger explizit als bildsprachlich. So lässt sich dem Song „Marrow“ die Reue über das Verschweigen der eigenen Identität anhören:

I was meant to defend us
And I promise I will I was an island
Was I treading
Was I fleeing
I was silent
I could barely hear me breathing

-Thao & The Get Down Stay Down

Besonders melancholisch oder verkopft ist „Temple“ ansonsten jedoch keineswegs. Thao & the Get Down Stay Down bewegen sich mit ihrem fünften Album einen Schritt weg von den Folk-Sounds ihrer früheren Alben, hinzu frechem Indierock. Songs wie die Single „Phenom“ sorgen mit tänzelnden Bassläufen und schrägen Tempowechseln für einen hypnotischen Sog, mit dem die Kalifornier mühelos aus dem Indie-Business herausstechen.

Martin Pfingstl

Lazarus Kane – „Night Walking“

Single-VÖ: 12.05.2020

Eigentlich war „Night Walking“ als Titelsong für den James Bond Film „Live and Let Die“ aus dem Jahr 1973 gedacht, verlor dann aber gegen den von Paul McCartney. Diese Geschichte ist wahr, zumindest wenn man deren Autor Lazarus Kane glauben mag. Der inzwischen in Bristol lebende Amerikaner gibt sich, trotz seines jungen Aussehens, gern als in den 60ern aufgewachsen aus und hat, nach eigenen Aussagen, auch schon mit Phil Colins und Peter Gabriel in der Schweiz Ski Urlaub gemacht. Und tatsächlich ist die Musik von Mr. Kane, wie er sich selbst nennt, eine kleine Zeitreise in vergangene Jahrzehnte. „Night Walking“ klingt wie ein Mix aus groovigen Disco Sounds à la Saturday Night Fever und frischem feel-good Indie, der trotz aller Ironie die Linie hält. Lazarus Kane singt davon, nach einer durchzechten Nacht nach Hause zu laufen - ein Gefühl, dass im Moment sicher viele gern mal wieder erleben würden.

Marie Jainta

Everything Everything - „Arch Enemy“

Single-VÖ: 13.05.2020

Art-Rock trifft Psychologie – so könnte man die frisch erschienene Everything-Everything-Single in ihrer Grundessenz zusammenfassen. Die verdanken wir nämlich Leadsänger Jonathan Higgs’ Faszination für den Psychologen Julian Jaynes und dessen Theorien zur bikameralen Psyche. Diese sind kompliziert, besagen aber ganz grob heruntergebrochen, dass es einen Punkt in der menschlichen Evolution gab, an dem unser Bewusstsein ein ganz anderes war: Beide Gehirnhälften haben sich demnach unabhängig voneinander entwickelt und die eine Seite habe damals nur Anweisungen der anderen erhalten – ähnlich einer körperlosen Stimme. Diese Erklärung von „Stimmen im Kopf“ und dem geteilten Selbst faszinierte Higgs so sehr, dass er das Konzept in seine Musik tragen wollte:

Jaynes attributes this to the origin of gods, people ascribing deity status to this voice they could hear in their head. All this blew my mind, and I started thinking of ways I could make this a central concept. It really touched me. So across the whole record there are millions or references to this theory – to having a split brain, two selves, hearing voices.

- Jonathan Higgs, Leadsänger

„Arch Enemy“ ist deshalb im Schaffensprozess strikt getrennt worden: Zuerst konzentrierten sich Everything Everything diesmal ganz ausdrücklich auf die Melodiefindung, bastelten und programmierten um die perfekten Synth-Sounds und Harmonieläufe zu finden. Dann erst begaben sie sich auf die inhaltliche Themensuche. Die verlief leichter als gedacht: der oft erschreckende Zustand der Welt, das Älterwerden in einer tourenden Band, das stetige Gefühl von Wandel. Schließlich hatten die Engländer so viel auf dem Herzen, dass es nicht nur für eine Single, sondern ein ganzes Album reichte. „Re-Animator“ soll am 21. August erscheinen und „Arch Enemy“ ist ein viel versprechender Appetithappen: die vertrackte, aber warme Rhythmik; die breite Soundlandschaft und Higgs’ herausstechende Kopfstimme. Auch mit einer deutlich geteilten Arbeitsweise gelingt der Band ein Song, der seine Enden schließlich zusammenführt und wunderbar vollständig wirkt.

Ariane Seidl

Flyte – „Easy Tiger“

Single-VÖ: 13.05.2020

„Mach dich auf eine beschissene Zeit gefasst“ - so Will Taylors Tipp an sich selbst. Der Flyte-Sänger schickte sich selbst eine 20-minütige Sprachnachricht, um eine harte Trennung besser verarbeiten zu können. Aus der Sprachnotiz wurde schließlich ein Song – mit gerade mal drei Minuten Länge zwar deutlich kürzer, aber nicht weniger bedeutsam. Und nicht nur bei seiner Trennung macht Taylor aus der Not eine Tugend: „Easy Tiger“ zog, nachdem es innerhalb weniger Tage in LA produziert wurde und interessierte den britischen Regisseurs Mark Jenkin („Bait“) auf Anhieb. Dieser bot Flyte dann auch kurzerhand seine Hilfe an: Da durch die andauernde Pandemie Bands starke Einschränkungen – auch in der Hinsicht auf die Produktion von Musikvideos – erdulden müssen, machten sie von Jenkins Markenzeichen Gebrauch. Er konzentriert sich auf handverarbeiteten und physisch editieren Film und konnte so um die aktuellen Engpässe herumarbeiten. Diese reduzierte Arbeit sei für alle Beteiligten sehr spannend und fordernd gewesen, Will Taylor scheint mit dem Endergebnis aber durchaus zufrieden:

When I wrote 'Easy Tiger' I was exorcising shame, heartbreak, jealously; almost impossible emotions to process, I almost regretted writing it. There's a darkness and an emotional brashness to Mark’s work that suited the song perfectly. It would have been hard to trust anyone else with it.

- Will Taylor über die Zusammenarbeit mit Regisseur Mark Jenkin 

Ariane Seidl

Wandl – „Double Exposure“

Single-VÖ: 15.05.2020

Kaum sichtbar und mit leiser Stimme: Was schon 2017 für das hervorragende Debütalbum „It’s All Good Tho“ des österreichischen Sängers Wandl galt, gilt noch viel mehr für die neue Single „Double Exposure“. Im Video verdeckt Wandl sein Gesicht mit einem Tuch, die Gesangsstimme wird so subtil eingesetzt wie eh und je. Viel mehr gibt der St. Pöltener der Musik den Raum. Und da gilt besonders in der ersten Hälfte: Viel Klang. Die melodischen Momente liefert einzig und allein die Gesangsstimme Wandls. Musikalisch bewegt sich die Single irgendwo zwischen den hypnotischen Produktionen von Clams Casino, Wonky- und Soul-Einflüssen. Und bemerkenswert ist auch die Songstruktur: „Double Exposure“ ist nicht nur, wie der Titel erahnen lässt, zweigeteilt. Er nimmt sich auch den Luxus, die letzten anderthalb Minuten einfach langsam auszuklingen. Sollte auf dem nächsten Album genauso durchdacht und geschickt experimentiert werden, dürfte es seinem Vorgänger in nichts nachstehen.

Scott Heinrichs

 

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Thao & The Get Down Stay Down

Lazarus Kane

Everything Everything

Flyte

Wandl

Noch mehr Musiktipps gibt’s in unserer wöchentlichen Playlist „faust aufs auge“: