Gespräche auf dem Roten Sofa

"Alles ist zur Hölle gegangen"

... und trotzdem will man weiterleben. Wie soll das gehen? Lotta Lundberg hat in ihrem Roman "Zur Stunde 0" die Schicksale dreier Frauen, die einen Neuanfang wagen, seelisch miteinander verknüpft.
Lotta Lundberg auf dem Roten Sofa.

Berlin im Jahr 1945 und das heutige Schweden sind die Lebenswelten der drei Protagonisten in Lotta Lundbergs Roman. Denn für die Autorin bedeutet die "Stunde Null" nicht nur die Umkehrzeit nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch jede andere Situation, in der alles in Trümmern liegt und der Mensch gezwungen ist, völlig neu anzufangen. Hedwig hat ihre Tochter nicht vor den Nazis beschützt, um ihr Leben als Schriftstellerin nicht aufgeben zu müssen, Isa wurde von ihrer Mutter verlassen und Ingrid steht vor der Entscheidung, ihren Mann zu verlassen.

Kein Anfang ohne Ende

Lotta Lundberg geht der schmerzlichen Frage nach, was als Nächstes passieren soll, wenn alles zu Ende zu sein scheint, wo die Hoffnung auf ein neues Leben herkommen soll, wenn das Alte längst keine Sicherheit mehr bietet. Der Bogen zwischen dem Deutschland der Nachkriegszeit und dem heutigen Schweden ist für sie keineswegs unlogisch, denn während sie den Leser im Leben der beiden Schwedinnen die private Stunde Null erleben lässt, ist es im zerbombten Berlin die kollektive. Wir haben überlebt, wir sind noch da. Aber was fangen wir jetzt an? Auf dem Roten Sofa erklärt uns Lotta Lundberg, dass jeder Mensch einmal seinen persönlichen Punkt erleben muss, an dem es nicht mehr weitergeht wie bisher. Jeder müsse verstehen, dass jede Entscheidung auch einen Verlust bedeutet und dass man eben nicht alles haben könne. Wer das trotzdem glaubt, sei ein Träumer. Oder ein Schwede.

Nie wieder so viel Elend

Aber trotz so manchen Augenzwinkerns bleibt Lundberg auch beim Schmerz ihrer Figuren, als sie einen Teil ihres Romans vorliest, kann der Zuhörer überraschend genau vor sich sehen, wie die Schriftstellerin Hedwig 1945 durch das zerstörte Berlin irrt und überlegt, ob die Seitenstraßen noch Seitenstraßen heißen dürfen, wenn sie nur noch aus Geröll bestehen.

Da das Berlin der Nachkriegszeit selbst für Lotta Lundberg beim bloßen Schreiben zu schrecklich gewesen sei, habe sie es als Erleichterung empfunden, immer wieder zu den Charakteren in Schweden wechseln zu können, verrät uns die Autorin. Es sei eine Art des Überlebens gewesen und niemand solle gezwungen sein, je eine solche Hölle zu durchleben, wie sie in ihrem Buch wieder zum Leben erweckt wird. 

 

mephisto 97.6-Redakteur Thilo Körting im Gespräch mit Lotta Lundberg
 
 

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Lotta Lundberg wurde 1961 in Uppsala geboren und studierte Politikwissenschaften. Seit 2004 lebt sie in Berlin und schreibt für verschiedene schwedische Tageszeitungen. Ihr sechster Roman "Zur Stunde 0" ist der Erste, der ins Deutsche übersetzt wurde.

Der Roman ist im Hoffmann und Campe Verlag erschienen und kostet 20€.