CD der Woche

Alles Echt, Alles Plastik

Auf dem Konzert des 21. Jahrhunderts bestaunen Besucher oft bloß noch einen DJ hinterm Laptop. In Zeiten der elektronischen Musik werden klassische Bandkonzepte immer seltener. Say Yes Dog zeigen mit ihrem Debutalbum, dass das auch anders geht.
Say Yes Dog haben ein Faible für den Retro. Sie machen Elektropop im Stile der 80er-Jahre.

Eigentlich wollten Paul, Aaron und Pascal nur zusammen aufs Fusion-Festival. Doch was tun, wenn die Tickets längst vergriffen sind? Richtig: Eine Band gründen. Die drei Freunde, die sich über die Umwege Berlin und Luxembourg in Den Haag kennengelernt haben, schrieben kurzerhand ihren ersten Song „Get It“. Das Ergebnis schickten Say Yes Dog an die Fusion-Veranstalter und waren kurze Zeit später Teil des Line-Ups. Blöd nur, dass es bis dahin lediglich einen Song gab. Also entstand in eben so kurzer Zeit gleich auch die erste EP der Band. Mit der tourten Say Yes Dog durch Europa, spielten auf Festivals und wurden schnell zum Geheimtipp. Neue Songs gab es lange Zeit dennoch nicht.

Alles einfach

Dass zwischen der EP und dem Album zwei Jahre liegen sollen, hört man „Plastic Love“ nicht an. Die Stärken der EP - eingängige Popmelodien und simpelste Lyrics – setzen sich in Albumlänge angenehm fort. Wenn die Band in „Girlfriend“ zum Refrain ansetzt („Would You Be My Girlfriend / Would You Be?“), möchte man spätestens beim zweiten Chorus einsteigen, ohne sich dabei dämlich vorzukommen. Der Song „Stronger“ hat ein mindestens genau so großes Hitpotenzial und wünscht sich die getanzte Leichtigkeit der 80er-Jahre zurück.

Alles anders

Die Musik ist tanzbar, kommt allerdings völlig ohne Peinlichkeiten wie dem Discofinger oder Mit-Gröhl-Phrasen daher. Das liegt zum einen an der Produktion des Debutalbums. Die wurde von Ash Workman betreut, der schon für die Band Metronomy an den Reglern saß. Hinter „Plastic Love“ versteckt sich zudem eine 80er-Jahre-Pop-Dystopie. Im Song „Plastik“ beschreibt die Band in bester Kraftwerk-Manier ein Leben in einer Welt, in der eben alles aus Kunststoff besteht. Dieses Bild lässt sich auf Say Yes Dog übertragen. Während in den Charts glatt gebügelte Stimmchen über den betonungslosen 4/4-Wahn von Produzenten à la Avicii und Felix Jaehn gejagt werden, setzen Say Yes Dog lieber auf eine kantige Stimme, einen deutschen Akzent und Off-Beats. Dabei stehen bei den Konzerten drei Kerle samt Instrumenten auf der Bühne. So erzeugt die Band einen analogen Elektroflair und umschifft jenen Irrweg, auf dem sich viele ihrer Zeitgenossen verlaufen haben. Manchmal werden Say Yes Dog dann aber doch von ihrer Gelassenheit im Stich gelassen. Wenn sich beispielsweise im Song „Before I Go“ der zerhackte Beat unter eine Synthesizer-Flut legt, wirkt das aufgesetzt und öde. Gott sei dank folgt auf den Track der geheime Sommerhit des Jahres. „Focus“ war einer der ersten Songs der Band und einer der wenigen, die es aufs Album geschafft haben. Der Song beginnt mit einem dilettantischen Beatboxversuch, mit dem die Band zeigt, dass sie sich nicht zu ernst nimmt. Dazu gibt es die wie gewohnt leichten Lyrics, die zu den vielleicht simpelsten und zugleich schönsten des Albums zählen.

Fazit

Na klar, digital ist besser. Aber was, wenn sich im digitalen Zeitalter immer mehr Künstler auf den musikalischen Einheitsbrei aus Drummaschinen und Autotune-Chören verlassen? Dann braucht es eben eine Band, die uns daran erinnert, wie die digitale Revolution der Musik anfing und was sie sein könnte. Das gelingt Say Yes Dog mit ihrem Debutalbum „Plastic Love“. Da verzeiht man den drei Jungs gerne jeden Fehltritt. Und irgendwie ist es dann auch okay, dass man so lange auf die erste Platte warten musste. Mit Welpenschutz hat das jedenfalls nichts zu tun.

 

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Lars-Hendrik Setz
23.08.2015 - 20:12
  Kultur

Say Yes Dog: Plastic Love

Tracklist:

1. Talk*
2. Hold Me
3. How
4. Plastik*
5. A Friend
6. You Want My Love
7. Stronger*
8. Remember
9. Open Wide
10. Girlfriend
11. Before I Go
12. Focus*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 04.09.2015
Diskodogs Records

Say Yes Dog im Web 2.0
Der britische Gurdian wusste es mal wieder als erstes. Im November 2013 waren Say Yes Dog der Geheimtipp in der Onlineausgabe der Zeitung. Damals verglich der Gurdian die Jungs sogar mit Größen wie Hot Chip oder The Whitest Boy Alive. Zum Nachlesen geht's hier lang.

Der Song "Get It" hat es nicht bis aufs Album geschafft. Dabei haben Say Yes Dog es dem Video zum Titel zu verdanken, dass sie 2013 auf dem Fusion-Festival spielen durften. Das Musikvideo gibt's hier.

Als Say Yes Dog auf dem diesjährigen Apple Tree Garden-Festival unterwegs waren, haben sie die Kollegen von Cardinal Sessions getroffen. Dabei ist eine besondere Version ihrer Single "Stronger" enstanden - und das im Kuhstall. Das sieht dann so aus.

Say Yes Dog spielen am 28.10. im Täubchenthal