Wahl des Thomaskantors

Alles bleibt anders

Ein Jahr voller Auswahlgespräche und Probearbeiten – und keiner ist es geworden. 42 BewerberInnen standen seit April 2015 zur Wahl des Thomaskantors, nun soll jedoch der Interimskantor Gotthold Schwarz den berühmten Knabenchor weiter leiten.
Thomanerchor
Dirigent und Pädagoge in einer Person - Gotthold Schwarz scheint diese Voraussetzungen zu erfüllen

Die für die Suche nach einem neuen Thomaskantor von Oberbürgermeister Burkhard Jung berufene Findungskommission hatte im Juli 2015 aus insgesamt 42 BewerberInnen für das Amt vier Kandidaten zu einer Probewoche mit dem Thomanerchor eingeladen. Im Anschluss wurde das Verfahren beendet – jedoch ohne eine Entscheidung. Die Berufung von Gotthold Schwarz wurde vorgeschlagen. Dieser hatte nach der Amtsniederlegung von Georg Christoph Biller als Interimskantor gearbeitet und sollte dies nun auch weiterhin tun.

Das Thomaskantorenamt ist eines der wichtigsten musikalischen Positionen in Leipzig und der Musikwelt. Ich bin dankbar, dass Gotthold Schwarz die Bereitschaft zur Übernahme zugesagt hat. Das ist für Leipzig eine sehr gute Lösung.

 

 Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig

Zuvor hatte die Kommission nach Beendigung der vier Probewochen zwei in die engere Wahl gekommene Kandidaten, den Dresdner Markus Teutschbein und Clemens Flämig aus Basel, ein weiteres Mal nach Leipzig eingeladen. Beide mussten dann in einer nichtöffentlichen Probe dieselben Werke von Johann Sebastian Bach zusammen mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester einstudieren und sich der großen Findungskommission noch einmal in einem Gespräch vorstellen. Jedoch habe man laut Jung bei der Diskussion über die Eignung der beiden Kandidaten festgestellt, dass es schwer sei, einen besseren zu bestimmen und dass vor allem Schwarz bis jetzt schon hochwertige Arbeit geleistet hätte. Deshalb werde der Oberbürgermeister nun seine Berufung dem Stadtrat vorschlagen.

Anstrengende Wochen für die Thomaner

Auch der Geschäftsführer des Thomanerchors Stefan Altner ist positiv gestimmt. Er macht vor allem darauf aufmerksam, dass  dank der Beendigung des Verfahrens eine gewisse Ruhe eingetreten sei, die die Thomaner nach den anstrengenden Probewochen dringend benötigen würden. Auf die Frage, warum man nicht schon eher diese Entscheidung hätte treffen können, meinte der Oberbürgermeister nur, dass man im Nachhinein immer schlauer sei. Außerdem habe das Wissen, dass Schwarz trotz der 42 Bewerber noch immer der Beste sei, dem Interimskantor einen gewissen Rückenwind gegeben und mache zukünftige Zusammenarbeit noch leichter.

Es ist großartig angekommen. Nun können wir eine klare Planung möglich machen und wissen, mit wem wir zukünftig auf der Bühne stehen.

Stefan Altner, Geschäftsführer des Thomanerchors

Der bisherige Chorleiter Georg Christoph Biller hatte das Amt im vergangenen Jahr nach 22 Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Er war der 16. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach. Der Komponist hatte fast 30 Jahre in Leipzig gewirkt. 

Endgültige Entscheidung gefallen

Am 9. Juni fand nun eine Sondersitzung des Stadtrats statt in welcher über Schwarz als neuen Thomaskantor abgestimmt wurde. Mit Erfolg: Gotthold Schwarz wurde zum neuen Kantor des Thomanerchors berufen.

mephisto 97.6 Redakteurin Sarah Emminghaus hat Gotthold Schwarz getroffen und mit ihm über seine neue Position gesprochen. Zunächst einmal hat sie aber interessiert, was sich in Zukunft beim musikalischen Aushängeschild der Stadt Leipzig ändern wird:

mephisto 97.6 Redakteurin Sarah Emminghaus im Interview mit dem neuen Thomaskantor
 

 

 

 

Kommentare

Wer sich in der Leipziger Kultur- und Politikszene auskennt wusste, dass es perspektivisch keiner der 4 Kandidaten werden sollte; das sah man schon am Auswahlverfahren, der teilweisen Besetzung der Findungskommission und an der Bewertung der Kandidaten.

Es ist egal, wie es nun ist - wichtig ist der Thomanerchor.

Jedoch hätte man diese Ränkespiele oder Planungsspiele einfach sein lassen sollen und gleich zu dem stehen, was man von Anfang an wollte...nämlich den Gotthold Schwarz: Das wäre auch aus Respekt vor den Kandidaten und deren (nunmehr zielloses) Engagement eine Offenheit gewesen, die auch der Stadt Leipzig gut getan hätte....

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Sarah Bötscher
23.05.2016 - 19:18
  Kultur

Zur Person:

Gotthold Schwarz, 1952 in Zwickau geboren, war in den 1960er Jahren selbst kurze Zeit Mitglied des Thomanerchores. In den 1970er Jahren erhielt er seine kirchenmusikalische Ausbildung an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden und an der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Dort erlangte er zusätzlich in den Fächern Gesang (als Schwerpunkt) und Dirigieren fundierte Abschlüsse. 1979 kehrte er als Stimmbildner zum Thomanerchor zurück. Bereits seit den 1990er Jahren vertrat Gotthold Schwarz mehrfach den Thomaskantor, und nach der Amtsniederlegung von Georg Christoph Biller im Februar 2015 ist er nun amtierender Kantor des Knabenchores. Dabei übernahm er die Leitung der Motetten-, Kantaten- und Oratorienaufführungen, die gottesdienstlichen Aufgaben in der Thomaskirche sowie Konzertreisen im In- und Ausland.

Eine umfangreiche Konzerttätigkeit als Sänger führte Gotthold Schwarz frühzeitig in die bedeutenden europäischen Musikzentren und u.a. nach Japan, Israel, Brasilien, Argentinien sowie in die USA, wo er auch Interpretationskurse zu Werken Bachs gab. Als Oratorien- und Liedsänger sowie als Dirigent erwarb er ein umfassendes Repertoire vom Barock bis zur Moderne, was auch durch zahlreiche Einspielungen dokumentiert ist.