Frisch Gepresst: The Spits

Aggressive Lebenszeichen

Mit ihrem Album „VI“ geben die US-amerikanische Punk-Band The Spits ihr erstes Lebenszeichen seit neun Jahren von sich. Dabei entstanden ist eine Sammlung von Punksongs, die ihren Vorgängern zumindest im Punkte Aggressivität in nichts nachstehen.
The Spits - VI
The Spits - VI

Das Erfolgsrezept eines Punk-Albums hat sich seit Jahrzehnten kaum verändert: schnelle, aggressive Schlagzeugsounds gepaart mit bis zum Umfallen verzerrten Gitarren und einem schnellen, brachialen Bass. Kombiniert wird das mit viel Rumgeschreie, wütenden und wenn möglich politischen Texten und schon hat man sein Album bereit für die Aufnahme und die richtige Musik für Literweise Bierkonsum und Moshpits zur Hand. Sich da noch mit so musiktheoretischen Spielereien wie ausgefeilten Akkordwechseln oder gar korrekt gestimmten Gitarren zu befassen wirkt wie vergebene Liebesmühe.

So oder so ähnlich wird auch das Rezept ausgesehen haben, nach dem die Punkband „The Spits“ aus Seattle ihr neustes Album „VI“ zusammengerührt hat. Während einige bei gerade mal 17 Minuten Musikmaterial wohl kaum von einem vollwertigen Album sprechen würden, so ist das für die Spits doch schon gehobenes Mittelfeld. In den 17 Minuten, die immerhin von zehn Liedern ausgemacht werden finden wir alles, was auch bis 2012 unsere Faszination mit den Spits ausgemacht hat: mechanische Trommeln, verzerrte Gitarren und ein fast schon abwesender Gesang, uninteressiert, mühelos aber in jedem Fall aggressiv und wütend. Aber ganz archetypisch ist die Musik dann doch nicht, auch wenn wir sie ganz gut einordnen können irgendwo zwischen den Ramones und den Screamers. Denn die Spits haben irgendwo ihren eigenen Charme, ihre eigene persönliche Note die ihrem Punk dann doch dazu verhilft, aus der großen Menge der Musik herauszustechen. 

Punk nicht wie er sein kann. Aber wie er sein sollte!

Was genau das aber ist, lässt sich gar nicht so einfach festmachen. Vielleicht sind es die elektronischen, experimentellen Synth-Klänge, die das Album in Liedern wie „Kop Car“, „Lose my Mind“ oder „Wurms“ bereichern, vielleicht sind es die hoffnungslosen und doch wütenden, fatalistischen und dennoch nicht resignierten Texte. Ganz sicher ist aber die Tatsache, dass man schon von Anfang an bei dem Album das Gefühl hat, dass die vier Musiker bevor sie zur Aufnahme kamen in der Gasse aufgewacht sind, verkatert und kaputt von den letzten Nächten. Denn eine Eigenschaft kann man den Spits mit Sicherheit nicht absprechen: Athentizität. Dreckiger, unpolierter und ekliger wird Punk wohl kaum mehr, unterstrichen wird das nur durch die Tatsache, dass die Band bisher den größten Teil ihrer Alben einfach nach sich selbst benannte und dass sie gerne mal in Nonnenkostümen, mit Ronald-Reagan-Masken oder als Zauberer verkleidet  auf die Bühne kam. 

Generell macht das Album „VI“ viele Dinge gleich, die schon seine acht Vorgänger so bemerkenswert gemacht haben. Trotzdem gibt es einige Alleinstellungsmerkmale, die man auf keinen Fall übersehen darf: Die Gitarren sind noch verzerrter als sonst, weshalb das selbst aufgenommene Album einen satteren, wärmeren Sound hat als die vorheriges. Gleichzeitig aber nehmen die Spits dieses Mal von schmissigen Melodien wie in ihren Songs „Bring (me down)“ oder „All I want“ Abstand, gestalten ihre Lieder ein bisschen düsterer, hoffnungsloser und geben damit einen ernüchternden, politischen Kommentar von sich. Die Spits stehen nicht einfach auf die No-Future-Mentalität, sie leben die postapokalyptische Ästhetik in ihrer Musik und in ihrem Artwork.

Dabei bietet „VI“ keine Lösung auf die Probleme, die es anspricht. Aber es gibt uns eine ernüchternde und gleichzeitig wütend machende Einschätzung der Welt wie sie gerade ist. Ganz so, wie wir es von den Spits gewohnt sind.

Fazit

Was bleibt uns also vom sechsten Album der Punkband? Es wäre gelogen, zu behaupten, dass die Spits nach neun Jahren ohne Veröffentlichungen mit „VI“ ihr bestes Album herausgebracht hätten. Denn das ist „VI“ nicht. Gleichzeitig macht das das Album aber noch lange nicht zu einer schlechten Liedersammlung, denn „VI“ hat nicht den Anspruch, das beste Album der Spits zu sein. Die Platte ist aggressiv, enttäuscht von der Welt, wütend, zornig und energetisch. Und hat damit alles, was ein gutes Punk-Album braucht. Während es für Einsteiger in die Spits-Musik damit vielleicht nicht unbedingt geeignet ist, so ist es dennoch eine gelungene Erweiterung der Diskographie der Gruppe. Denn die wichtigsten Motive und der charakteristische Reiz der Gruppe lassen sich auch nach neun Jahren ohne Lebenszeichen noch gut erkennen: Wut, der Wunsch nach einer besseren Welt und das Gefühl, dass nicht mal die Musiker ihre Musik zu hundert Prozent ernstnehmen. 

 

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Ruben Sträter
03.11.2020 - 13:43
  Kultur

The Spits: VI

Tracklist:
  1. Up All Night
  2. Out Of Time
  3. Kop Kar *
  4. Breakdown *
  5. Creep
  6. Broken Glass
  7. Lose My Mind *
  8. It's Over
  9. They
  10. Wurms *

* Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 30.10.2020
Thriftstore Records