Frisch Gepresst: Moses Sumney

Ästhetik der Einsamkeit

Moses Sumney ist zurück. Nach drei Monaten des Wartens hat der US-Amerikanische Sänger jetzt den zweiten Teil seines neuen Albums „grae” veröffentlicht. Das Doppelalbum besteht aus insgesamt 20 Songs geballter Emotion.
Frisch Gepresst, Moses Sumney
Moses Sumney

Moses Sumney wurde 1991 in Californien geboren. Er studierte kreatives Schreiben an der University of California und veröffentlichte 2014 seine erste selbstproduzierte EP “Mid-City Island”, für die er bereits große Aufmerksamkeit bekam. Auf sein Debütalbum “Aromanticism.” (2017) folgte bereits im März der erste Teil der Nachfolgerplatte "grae". Jetzt vervollständigt er sein Werk. 

Einsamkeit und Identität

Das Thema Isolation strickt den roten Faden, der die Brücke zwischen beiden Teilen des Doppelalbums bildet. „Isolation comes from „insula“ which means island“ heißt es im Intro von "grae I." Sein Gegenpart findet sich im Song „How I come to isolation,“ der zur zweiten Hälfte des Doppelalbums gehört. Das Lied spinnt das Motiv weiter. Beide Songs sind kurze Sequenzen, in denen Schriftstellerin Taiye Selasi das Wort „Isolation“ beleuchtet. Untermalt wird ihre Stimme von sanften Soundlandschaften: Synthiesounds, ein langsamer melodischer Bass und geklimperte Töne eines Klaviers. Für Sumney selbst ist der Zustand der Isolation ein verhasster Freund. So sprach er bereits 2017 mit dem Guardian über seine „Obsession mit Einsamkeit, dem Singledasein und Isolation.“ Themen, die auch sein Debutalbum „Aromaticism“ von 2017 prägen. Trotzdem ist „grae“ ganz klar eine thematische, wie auch musikalische Weiterentwicklung und spiegelt eben nicht den Sumney von vor drei Jahren wieder. In „boxes“ geht es um genau diese Reduktion der Identität und das „in Schubladen stecken".

We have no place that we can claim without contention
We are constructing a whole new edifice of boxes to put people in
To protect a space inside which you can exist
Very concerned about giving names, giving names

Song "Boxes"

Der zweite Teil von „grey“ erscheint persönlich und geheimnisvoll. Sumneys Texte erschaffen Bilder, geben Hinweise, aber nie klare Antworten. Der Interpretationsspielraum ist groß. Es geht um Verfall und Moralität ("Bystanders"), um Tod ("Two Dogs") oder darum, sich selbst zu lieben ("Lucky Me").

 

Lucky me
I had somebody who showed me
there’s another way to go
Lucky me 

 

Song "Lucky Me"

Ein musikalisches Potpurri

Vielseitigkeit zeigt sich nicht nur in Sumneys poetischen Texten. Musikalisch sträubt sich das Album gegen jede Einordnung in Genrekategorien. Das Songwriting wird ergänzt durch groovige Basslines und Bläser, die an Jazz denken lassen. Verzerrte Gitarren bringen uns zum Art-Rock ("Virile") und der mehrstimmige Gesang zum Soul ("In Bloom"). Im zweiten Teil von grae werden etwas ruhigere Töne angeschlagen. Sphärische Balladen und Chöre geben den Ton an ("Bystanders"). Im Lied „Keeps Me Alive“ wird Sumneys Gesang von einer einzigen Gitarre begleitet und erinnert damit an die musikalische Anfänge von 2014. Sumneys wunderschöne Stimme rundet die Mischung ab. Mal zärtlich flüsternd, mal durchdringend im Sopran. „grae“ ist ein Potpurri der aller feinsten Sorte. Ohne sich wiederholen zu müssen entführt Sumney sein Publikum in Gefühlswelten: zerbrechlich, komplex und schmerzlich schön.

Viel hilft viel

Für „grae“ holte Sumney sich hochkarätige Unterstützung. Neben Taiye Selasi wirkte unter anderem Thundercat als Bassist bei der Produktion des Albums mit. Ezra Miller, James Blake, John Congleton, FKJ, die Liste bekannter Namen auf der Albumrückseite ist lang. Mit „grae“ versucht Sumney über sich selbst hinauszuwachsen und präsentiert schließlich ein Kunstwerk, das als eine der besten Neuerscheinungen dieses Jahres bezeichnet werden kann.

 

 

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Hannan El Mikdam-Lasslop
18.05.2020 - 21:56
  Kultur

Moses Sumney: grae

Tracklist:

1. insula

2.Cut Me

3.In Bloom

4. Virile

5. Conveyor

6. boxes

7. Gagarin

8. jill/jack

9. Colouour

10. also also also and and and

11. Neither/ Nor

12. Polly

13. Two Dogs

14. Bystanders

15. Me in 20 Years

16. Keeps Me Alive

17. Lucky Me

18. and so I come to isolation

19. Bless Me

20. before you go

 

Erscheinungsdatum: 15.05.2020
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