Gespräche auf dem Roten Sofa

Abbilder des Lebens

Sprühend vor Leben, aber nicht mit hektisch, sondern bedächtig und mit klarer Linie. So zeichnet Reinhard Kaiser-Mühlecker nicht nur seine Geschichten, sondern auch seine Erzähler. Denn die sind es, die den Geschichten ihre Eindringlichkeit geben.
Nachdenklichkeit und Ruhe, sind für dieses Buch unablässlich.

Auf 300 Seiten mit nur drei Erzählungen offenbart Mühlecker Charaktere und Situationen, die den Leser einfangen und fesseln. Bedächtig und klar zeichnet Reinhard Kaiser-Mühlecker seine Figuren – aber auch verwirrend. Nachdenken und Analysieren ist unabdingbar nach dem Lesen des Buches "Zeichnungen".

Spuren

Der Erzähler verliert einen Job nach dem anderen, seine Frau verlässt ihn und bändelt mit einem anderen an und dann ist da noch dieses geheimnisvolle Haus auf der anderen Seite des Sees. Doch etwas Aufregendes passiert erstmal nicht. Der Erzähler scheint von tiefer Lustlosigkeit erfüllt zu sein und lässt sein Leben einfach nur so dahin plätschern – ein Nichtsnutz und dann doch wieder ergriffen von tiefer Nachdenklichkeit:

Mit einem neuen Trompetenstoß kam mir der Gedanke, ich selbst sei im Grunde nichts anderes als so ein Blatt, immer älter und – in Denken und Sein – konturloser werdend, mit jedem vergehendem Tag ein Stück näher am Ziel, ... der Rückkehr in die Ewigkeit.

Erzähler, aus der Erzählung "Spuren"

An solchen Stellen der Geschichte spürt der Leser, dass da noch mehr sein muss, etwas Verdrehtes, Komisches. So kommt es dann auch. Und am Ende des Buches steht ein gutes Ende. Ein neuer Job, ein neuer Freund und seine Frau kehren auch zurück. Der Start in einen neuen Lebensabschnitt. Ein Alltags-Happy End. Doch gibt es einem Kraft und ein Gefühl vollkommener Wohligkeit. Man muss kein Held sein, keine Berühmtheit um Perfektion der Zufriedenheit zu erreichen. Oft reichen kleine, übersehbare Dinge.

Male

Ein alter Mann erzählt an mehreren Tagen einem Besucher seine Lebensgeschichte. Seine Liebesgeschichten sagt er. Sie handeln von Freundschaft, Liebe und Familie. Und der Rache, die man ausübt, um die, die man liebt zu rächen.

Welche Angst ihr vor mir hattet! Alle – alle hatten diese Angst vor mir ... Ja. Ihr hieltet mich für eine Art Ungeheuer, nicht wahr?

Der Alte, aus der Erzählung "Male"

Der Greis wird von seiner Umgebung als grausam, als Monster wahrgenommen. Sich selbst sieht er nicht so. Eindrucksvoll, voller Dunkelheit und Unbehagen hervorrufend stellt Kaiser-Mühlecker seinen Erzähler vor. Eine Erzählung, die sacken muss, vielleicht noch einmal gelesen werden muss, um im Ansatz verstanden zu werden. So fern liegen die Beweggründe des Greises von sozialen Konventionen. Ratlosigkeit am Ende und tatsächlich die Frage. "Was soll ich aus dieser Erzählung mitnehmen? Was will der Autor ausdrücken?"

Zeichnungen

Ein junger Mann der von seiner Familie betrogen wurde zieht weiter, um Erfolg zu haben. Er vergammelt sein Leben über mehrere Jahre. Erst am Ende seines Geldes bemüht er sich um eine Anstellung. Nur seinen eigenen Vorteil im Sinn, bemüht er sich um die Hand der Tochter des Chefs. Doch seine mühsam aufgebautes Leben bricht am Höhepunkt des Erfolgs zusammen.

Mir indes war kein Zweifel geblieben. Ich wusste, weshalb mir zustieß, was mir zustieß. Ich war kein guter Mensch gewesen.

Steinau aus Rosenthal

Egoismus und Ehrgeiz, geförderte Charakterzüge in unserer Gesellschaft. Während der Erzählung geht einem auf, dass es vermutlich viele Leute gibt, die genauso handeln. Die ihre Prioritäten genauso setzten. Und ich habe begonnen mein eigenes Verhalten auf ähnliche Züge, andere Menschen für sich einzuspannen, zu überdenken.

Wie aus dem Alltag

Die Erzähler sind einnehmend, auch wenn die Ansichten und das Handeln nicht immer nachvollziehbar sind. Genauso einnehmend ist der Schreibstil. Mit zahlreichen Adjektiven braucht es kaum noch Fantasie, um sich die Situation auszumalen. Durch die genauen Beschreibungen wird der Leser eingewoben. Der ein oder andere wartet vielleicht auf den Knall in Kaiser-Mühleckers Erzählungen. Er kommt: Leise, schleichend und nicht theatralisch. Dafür einnehmend und ansprechend. Direkt im Anschluss eine Kehrtwendung von 180 Grad – lässt einen stehen in einer Unwissenheit und tiefen verworrenen Gedanken. Die Enden lassen Raum für eigene Ansätze und manchmal mehr Grübelei, als einem lieb ist.

Reinhard Kaiser-Mühlecker zu Gast auf dem Roten Sofa

Vielleicht lag es an dem Ort, an dem ich das Buch gelesen habe. In einer Eiswüste diese nicht traurigen, aber auch nicht erfüllten Leben zu lesen, es stimmt nachdenklich. Lasse ich meine Zeit auch so vergehen, wie der Erzähler von "Spuren"? Erkenne ich nicht einige der schlechtesten, ekelhaftesten Züge des alten Greises aus "Male" an mir selbst? Und zuletzt, wie fokussiert bin ich? Was würde ich alles für meine Karriere, meinen Erfolg tun? Die Liebe und Familie verraten, wie in Zeichnungen? Nur um meine eigene ideale Zeichnung meines Lebens zu vervollständigen.

 

Bei uns zu Gast Reinhard Kaiser-Mühlecker, er spricht über Zeit und seine Vorstellung vom Erzähen und Schreiben, denn für ihn ist es wichtig die Menschen genau zu spühren und zu kennen, um die Geschichte fassen zu können. 

Renhard Kaiser-Mühlecker auf dem Roten Sofa im Gespräch mit Moderatorin Jessica Brautzsch.
 
 

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Reinhard Kaiser-Mühlecker ist ein österreichischer Schriftsteller. Geboren wurde er 1982 in Kirchdorf an der Krems. Ab 2003 studierte er vier Jahre lang in Wien Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung. 2008 erschien sein Debütroman „Der lange Gang über die Stationen“ und erhielt noch vor Erscheinung den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung. Seither hagelt es Preise und Stipendien. Sein neues Buch „Zeichnungen“ erschien dieses Jahr im S. Fischer Verlag und ist für 19,99€ erhältlich.