splash! 2017

6,9 von 17,4 Sternen

Das splash!-Festival hat auch dieses Jahr wieder seinen Ruf als größtes und wichtigstes Hip-Hop-Festival Deutschlands verteidigt. Zum 20-jährigen Jubiläum zog es wieder Viele nach Ferropolis.
Das splash! feierte in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum
Das splash! feierte in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum

Auch, wenn schon seit Längerem keine offiziellen Zahlen mehr veröffentlicht werden, kann man von Besucherzahlen im mittleren fünfstelligen Bereich ausgehen. Mit so großen Menschenmengen und den daran gekoppelten Erwartungen der Gäste sind eine Kommerzialisierung und eine Annäherung an den Mainstream innerhalb der Szene aus betriebswirtschaftlicher Sicht natürlich unvermeidbar. Schade - so geht die Kultur der Musik, die durch Studioalben erst geprägt und erschaffen wird, in hohlen und unauthentischen Liveauftritten zur Unterhaltung der Massen verloren. Kein Wunder also, dass mich einige Künstler, deren Alben ich sonst rauf und runter höre, live ziemlich enttäuscht haben.

Neben den großen Namen, die viele Leute anziehen und auch unterhalten können, konnte das splash! durch unbekanntere Acts jedoch auch differenziertere Musikgeschmäcker abseits des Mainstreams bedienen. Hier meine Favoriten des diesjährigen Line-Ups:

Ahzumjot

Ahzumjot ist eine meiner großen persönlichen Entdeckungen des 20. splash! Festivals. Früher noch selbst mit einem Bein im durchkalkulierten Musikchartgeschäft und unter anderem auf Tour mit CRO, hat er dem Kommerz abgeschworen und macht nur noch reale Musik. Ob das wirklich so real ist oder nur eine gerissenere, auf eine kleinere Zielgruppe zugeschnittene Marketingstrategie, sei mal dahingestellt. Die dopen Beats jedenfalls produziert er selbst und in seinen Texten verpackt er komplexe Inhalte in einfachen aber schönen Lyrics. Ahzumjot kriegt auf alle Fälle Liebe von mir!

Wandl

Auch wenn mir die Instrumentals teilweise zu entspannt waren und auch die Texte manchmal zu cheesy rüberkamen, hat mich vor allem die authentische Ausstrahlung des Wieners beeindruckt. Im Vergleich zu aufgepeitschten Hype-Men, die wie wild auf der Bühne hin und her springen (no front), gab sich Wandl ganz ruhig und sympathisch, schraubte live an den Synthies, verspielte sich auch mal aber schuf trotzdem eine gewisse Nähe, der man sich nicht entziehen konnte. Ein schönes Kontrastprogramm!

Crack Ignaz

Auch wenn er schon etwas berühmter ist, hat mich Crack Ignaz zum inzwischen dritten mal auch live davon überzeugen können, dass er gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Hype und Realness wandern kann. Muss wohl am österreichischen Dialekt, an den durch den Bass nach vorne getriebenen Beats und vor allem natürlich am angeborenen Swah liegen! Ich hoffe und wünsche ihm, dass er sich weiterhin auf diesem Level bewegt.

CE$

Mit der Begründung, dass er im Allgemeinen keine Interviews mehr gebe, sondern nur noch seine Musik für sich sprechen lässt, wurde uns eine persönliche Audienz beim Mafioso Padrino des Traps leider verwehrt. Doch wenn man ihn live sieht, merkt man, dass seine Musik tatsächlich alles und noch mehr über ihn sagt: “Lifestyle wie ein Rockstar, // Stagekiller, bin ein Monster“, und das trifft es viel zu gut.

Zugegeben, CE$ könnte man alles vorwerfen, was ich eingangs auch anderen "Showrappern" vorgeworfen habe, dass es nur um Party und schnellen Erfolg geht. Doch irgendwie funktioniert nicht nur seine Musik, sondern auch seine Livepräsenz für mich. Entweder ist sein Italo-Glam-Trap so edgy und übertrieben, dass es wie eine Persiflage auf das restliche Showgeschäft wirkt oder er ist einfach wirklich so - und das wäre noch viel bewundernswerter. Der ungewöhnliche Mix aus unterschiedlichsten Musikgenres und Lifestyles bringt in meinen Augen jedenfalls frischen Wind in die Szene. Grazie Fratello!

Fazit

Auch wenn die Dichte an stumpfen, sexistischen und homophoben Menschen, denen es nicht um Musik-, sondern um Party- und Saufkultur ging und nach denen sich zwangsläufig auch ein Großteil des Line-Ups gerichtet hat, erschreckend hoch war, wurden auch kleinere Nischen und weniger vertretene Geschmäcker bedient. Insgesamt muss man wohl einsehen, dass das splash! ein realistischer Querschnitt aller Facetten der Hip-Hop-Szene in Deutschland ist, mit allen positiven und negativen Aspekten, die dazu gehören. Das kann ernüchternd, aber auch ermutigend sein.

Auch, wenn ich mir den 5-Tage-Festival-Trouble inklusive Zuganreise mit Gepäck, Campen, Regen, Sturm, Hitze, teurem und/oder ekligem Essen, prekären Sanitäranlagen und teilweise befremdlichen Festivalbesuchern nächstes Jahr voraussichtlich nicht mehr geben werde, wäre ich einem timetableabhängigen Tagesausflug nach Ferropolis wahrscheinlich trotzdem nicht abgeneigt. Deshalb gibt es von mir 6,9 von 17,4 Sternen.

 

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