Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

"Bei Ikea war ich noch nie"

Knarzender Dielenboden, stuckverzierte Decken, dunkelrote Polstersessel und alte Holzmöbel. Selbst seine Großeltern seien inzwischen moderner eingerichtet, erzählt Jörg Werner. Ein Besuch bei jemandem, der an alten Zeiten festhält.
Für Jörg Werner spielt Zeit eine besondere Rolle.

Es ist ein Ausflug in eine andere Zeit. Jörg Werner ist ein Mann Mitte dreißig, der fast nur alte Dinge in seiner Wohnung hat. "Ich halte es für sinnvoll, Sachen aus zweiter Hand einzukaufen, die es schon gibt, statt extra etwas Neues für mich produzieren zu lassen." Bei Ikea war er noch nie.

Müde, aber saubere Platten

In fast jedem seiner Zimmer stehen Regale voller Schellackplatten. Diese Vorläufer der Vinylplatte haben pro Seite nur Platz für etwas mehr als drei Minuten Musik. Fast zehn Jahre seines Lebens hat er sie gesammelt. Vom argentinischen Tango bis zur deutschen Tanzmusik gibt es bei ihm alles aus den 20-er bis 50-er Jahren. Damit seine Platten weniger rauschen, hat er eine ganze Menge Zeit in sein Hobby gesteckt und eine Weile ziemlich wenig geschlafen. Abend für Abend hat er jede einzelne gesäubert und in besondere Hüllen verpackt.

Was Karteikarten mit Autarkie zu tun haben

Um bei den vielen Scheiben nicht den Überblick zu verlieren, hat er sich ein System mit 60.000 Karten ausgedacht. Jede ist handgeschnitten, gestempelt und handbeschrieben mit allen Informationen, die Jörg Werner über das Stück finden konnte. Eine digitale Version gebe es davon nicht, die Zettelkartei sei ohnehin praktischer. Bei Stromausfall zum Beispiel. "Da kann ich mir eine Kerze anzünden und in meinen Karteikarten suchen, was ich brauche. Und das Grammophon das funktioniert ja auch mit Kurbeln und ohne Strom. Das heißt, ich hab mich da so ein bisschen unabhängig und autark gemacht."

R wie Salzhering

Dass er die Platten sammelt, hat vor allem mit einem Fisch zu tun. In allen Monaten mit dem Buchstaben "R" traf sich die Familie Werner auf einen Salzhering. Zum Essen habe sein Opa ein Grammophon rausgeholt und dazu immer die gleiche Platte gespielt, erzählt Jörg Werner. Das Rauschen und Kinstern und die Musik, die dazwischen zu hören sei, hätten ihn schon als Kind fasziniert. Außerdem sei er großer Fan von Heinz Rühmann gewesen. "Wenn Montagabend zu DDR-Zeiten der alte Film kam, auf DDR2, dann war ich definitiv nicht ins Bett zu kriegen. Den wollte ich unbedingt sehen."

Zeitreise nach Kuba

Seine Liebe zu alten Dingen, schlägt sich auch in seinem Beruf nieder. Durch Zufall ist er zu Retrovelo gekommen. Die Leipziger Fahrradmanufaktur baut moderne Räder im alten Design. Eines davon hat Jörg Werner für die Firma getestet, auf einer 80-Tage-Tour am schwarzen Meer. Seitdem ist er freier Mitarbeiter bei Retrovelo und im Winter als Fahrradguide in Kuba unterwegs. Auch das ist laut Jörg Werner eine Zeitreise, denn die Leute gehen dort ganz anders mit Zeit um.

Die guten alten Zeiten

Das Sammeln ist inzwischen vorbei. Jörg Werner hat zwar alle seine Platten behalten, es kommen aber kaum neue hinzu. Zeit spielt in seinem Leben aber immer noch eine besondere Rolle. Er versucht vieles selbst herzustellen und möglichst unabhängig zu leben. Auch sein Faible für die Ästhetik der alten Zeiten ist geblieben, vom Retrovelo bis zur Musik.

 

Eine Reportage von Elisabeth Conze
Verlorene Zeit

 

 

 

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Elisabeth Conze
02.09.2014 - 15:08
  Kultur