Karstadt geht an neuen Investor

"Das Konzept ist überholt"

Karstadt macht wieder Schlagzeilen - und leider sind die negativ: Vor gut einer Woche wurde das Warenhaus erneut verkauft, der neue Investor soll es endgültig vor der Insolvenz retten. Ob das Zukunft haben kann?
Fusion mit Kaufhof noch nicht in trockenen Tüchern

Seit Jahren wankt Karstadt am Abgrund der Insolvenz. 2010 stieg der Investor Nicolas Berggruen ein, um das Unternehmen vor dem Aus zu bewahren, leider ohne Erfolg. Jetzt wurde Karstadt erneut verkauft, wieder für den symbolischen 1 Euro. Der neue Investor heißt René Benko und kommt aus Österreich - für die Mitarbeiter bei Karstadt ist das aber leider noch nicht die Rettung: 20 Häuser sollen geschlossen werden, die Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze. Und Karstadt ist nicht das erste Warenhaus, dem es so ergeht. Die Insolvenz von Quelle ist noch nicht so lange her.

 

Professor Dr. Jürgen Singer in seinem Büro in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Warum die Zeit der Warenhäuser in Deutschland vorbei zu sein scheint, darüber hat mephisto 97.6 - Reporterin Verena Ritter mit Jürgen Singer gesprochen. Er ist Professor für Bankwesen an der Universität Leipzig und beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit der Entwicklung der Warenhäuser in Deutschland.

 

 

mephisto 97.6: Quelle ging 2009 insolvent, bei Karstadt kriselt es und Galeria Kaufhof macht nur ganz geringfügig Gewinn pro Jahr. Hat sich das Konzept der Warenhäuser Ihrer Meinung nach überholt?

Jürgen Singer: Die Warenhäuser waren mal eine Innovation vor etwa 100 Jahren, aber es traten inzwischen Entwicklungen ein, die zeigen dass die Warenhäuser in der jetzigen Form und vor allem in der jetzigen Vielzahl nicht mehr wettbewerbsfähig gegenüber neuen Entwicklungen. Das scheint nicht mehr gefragt zu sein

mephisto 97.6: Kann man sagen, warum das so ist?

Jürgen Singer: Es haben sich einmal Bedürfnisse und Anforderungen der Verbraucher geändert. Da kommen die veränderten Wettbewerber dazu. Und dass es zum Beispiel statt der großen Warenhäusern in der Innenstadt, die Einkaufzentren und Supermärkte mit mehr Parkplätzen am Stadtrand gibt. Und seit 15 Jahren kommt auch der ganze Internethandel dazu – das sind alles Entwicklungen in den letzten Jahren, die auf Kosten der klassischen Warenhäuser gingen. Die verloren und die anderen haben dazu gewonnen.

mephisto 97.6: Der neue Investor aus Österreich hat angedeutet, dass er sich vorstellen könnte, einige Karstadtfilialen zu schließen und die übrigbleibenden zu „Luxushäusern“ umzuwandeln – was halten Sie denn von dieser Idee, um Karstadt wieder attraktiver zu machen?

Jürgen Singer: Das Vorbild ist wahrscheinlich das KaDeWe in Berlin oder der Oberpollinger in München – dazu bräuchte man aber auch die entsprechende Kaufkraft. Und ob diese Kaufkraft so auch in Leipzig vorhanden ist, das wage ich zu bezweifeln. Und man darf nicht vergessen: Es gibt auch andere attraktive Anbieter in der Innenstadt.

mephisto 97.6: Wenn Sie sich jetzt die Leipziger Innenstadt einmal genauer anschauen: Sollte Karstadt hier schließen, was könnte das für Auswirkungen haben?

Jürgen Singer: Wenn ein Gebäude leer steht – da kann ich Ihnen Beispiel nennen von Orten wie etwa Würzburg – wo dann diese ehemaligen Warenhäuser jahrelang leer stehen. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Psyche. Ein großes Warenhaus saugt potentielle Käufer an und davon profitieren auch Geschäfte links und rechts von dem Warenhaus. Wenn jetzt ein Warenhaus leer steht und es steht jahrelang leer und verkommt allmählich, dann hat das auch gravierende Auswirkungen auf die Mieten und die Umsätze der benachbarten Geschäfte. Also eine Innenstadt kann schon veröden.

mephisto 97.6: Für wie wahrscheinlich halten Sie das in Leipzig?

Jürgen Singer: Also das Karstadtgebäude ist ja sehr neu und sehr nobel. Und es kommt natürlich jetzt drauf an, wie die Leitung das Warenhaus wieder so attraktiv machen kann, dass die Käufer lieber zu Karstadt gehen als zu Kaufhof beispielsweise. Ob das über die Preisschiene geht, das wage ich zu bezweifeln. Man sollte nicht den Fehler machen, den Praktiker gemacht hat: Die haben ja immer alles 20 Prozent billiger angeboten, außer Tiernahrung. Und ich hab immer geartet, bis diese Aktionen kamen – und nicht nur ich hab gewartet. Damit hatte Praktiker am Ende natürlich mehr Verkäufe, aber eben auch 20 Prozent weniger Gewinn. Und das hält ein Unternehmen auf die Dauer nicht aus. Eine Billigschiene kann Karstadt nicht fahren.

mephisto 97.6: Ein Blick in die Zukunft: Könne Sie einen Einschätzung abgeben, ob Karstadt hier in Leipzig geschlossen werden wird?

Jürgen Singer: Ich glaube nicht, dass hier geschlossen wird. Es kommt aber stark drauf an, wem das Gebäude gehört: Karstadt zahlt ja auch eine sehr hohe Miete, wahrscheinlich eine zu hohe Miete und mit zu hohen Mieten kann ich natürlich auch die Rentabilität einer Filiale kaputt machen, das darf man hier bei Karstadt nicht vergessen. Eine Karstadtfiliale muss diese Miete auch erwirtschaften – und das ist äußert schwierig.

mephisto 97.6 - Reporterin Verena Ritter im Gespräch mit Jürgen Singer.
Karstadt
 

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Verena Ritter
22.08.2014 - 11:58