William Fitzsimmons im Interview

Mutter Teresa und der Serienkiller

William Fitzsimmons ist ein sehr ehrlicher und nachdenklicher Mensch. Das hört man nicht nur in den Songs des Folkmusikers, auch im Interview mit mephisto 97.6 hat er viel offenbart und einige Geheimnisse verraten.
William Fitzsimmons im Interview
William Fitzsimmons im Interview

mephisto 97.6: Wir haben momentan Sommer, bei der Wärme kann es unter so einer Matte ganz schön heiß werden. Ich kenne das von meinen langen Haaren, ich mache mir dann einen Zopf. Wie gehst du damit um?

William Fitzsimmons: Momentan ist mein Bart ja sehr kurz, ich habe ihn etwas gestutzt. Aber früher habe ich das genau so gemacht – eigentlich erzähle ich niemandem davon – aber ich habe öfter mal die Zopfhalter meiner Frau benutzt, um meinen Bart im Sommer zusammenzubinden. Jetzt mache ich das aber nicht mehr, da mein Nachbar mich mal völlig entsetzt anschaute, als ich ihm die Tür öffnete und ich den Zopfhalter im Bart vergessen hatte. Meine Frau meinte dann nur: Du siehst aus wie ein Serienkiller. Seitdem versuche ich, das nicht mehr zu machen. Aber so schlimm ist es auch gar nicht im Sommer mit Bart, man gewöhnt sich daran. Es ist anders als mit langem Haar im Nacken, es fühlt sich anders an, man fühlt sich einfach nur stark.

mephisto 97.6: Kommen wir zum nächsten haarigen Thema: Das Cover deines neuen Albums ziert ein Löwe und so heißt es auch: „Lions“. Es ist deine sechste LP. Bevor du angefangen hast daran zu arbeiten, hast du festgestellt, dass etwas falsch läuft. Kannst du das erklären? Und kannst du erzählen, was du dann geändert hast im Entstehungsprozess von „Lions“?

Fitzsimmons: Ja, mit dem letzten Album „Gold in the Shadow“, welches ich sehr mag, hatten wir viel Erfolg, das war total toll. Doch plötzlich – wann immer das auch passiert ist – versuchten die Leute in meinem Umfeld mein Songwriting zu beeinflussen: „Hey William, das Lied könnte im Radio gut funktionieren, wenn wir das etwas kürzer machen und das Schlagzeug da noch hinzufügen.“ Es ist ok, wenn Leute diese Art von Musik machen. Aber wenn du Musik machst für Leute, die gerade eine schwere Zeit durchmachen und du darüber nachdenkst, wie du noch mehr Geld daraus schlagen kannst, ist das abscheulich. Es geht nicht immer nur ums Geld. Für mich ist das nicht der richtige Weg. Als ich anfing, neue Songs zu schreiben, hatte ich ständig diese Ideen und Einflüsse der anderen Leuten in meinem Kopf. Die musste ich loswerden. Das habe ich geschafft und dann habe ich die neue Platte gemacht. Ich habe Songs geschrieben, ohne wahrzunehmen, dass ich sie für die Platte schreibe. Das war der beste Weg für mich. 

mephisto 97.6: Du hast mal gesagt, wenn man wissen will, wer du bist, sollte man „Lions“ hören, das ist dein persönlichstes Album. Welcher Song auf dem Album bedeutet dir am meisten und warum?

Fitzsimmons: Das ist eine gute Frage – sie bedeuten mir alle etwas. Ich glaube, dass ändert sich auch ständig mit der Zeit. Ich spiele die Songs und verstehe sie jedes Mal ein wenig anders. Es ist wie mit dem Lieblingssong oder -film: Jedes Mal fühlt man etwas anderes oder bemerkt ein neues kleines Detail, auch wenn es noch so winzig ist. Ich glaube, die wichtigsten Songs für mich sind „Josies Song“ und „Took“. „Took“ ist der Song, den ich nach sechs Monaten Tour am intensivsten spüre, wenn ich ihn spiele. Er handelt nicht von einer speziellen Person. Es geht einfach darum, wie es sich anfühlt, wenn einem etwas genommen wird. Mir wurde schon so einiges genommen in meinem Leben, ob meine Ehefrau durch die Scheidung oder ein für mich wichtiger Mensch durch den Tod. Das ist nicht gerade ein lustiges Thema, aber wenn ich „Took“ spiele, bewegt er mich am meisten.

 

William Fitzsimmons mit seiner Band live auf der Parkbühne Geyserhaus in Leipzig
 

mephisto 97.6: Wes Anderson ist bekannt für seine skurrilen aber schönen Filme. Du hast für Album "I Saved Latin! A Tribute to Wes Anderson" den Song "The Wind" von Cat Stevens gecovert. Warum hast du diesen Song aus dem Film "Rushmore" gewählt?

Fitzsimmons: Naja, "Rushmore" ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Ich liebe diesen Film. Außerdem bin ich seit langer Zeit Fan von Cat Stevens. Den Song "The Wind" kenne ich seit meiner Kindheit. Da meine Mutter in den 70ern viel Folk hörte, wurde ich sozusagen gezwungen, Cat Stevens zu hören. Aber ich habe mich total in seine Musik verliebt. Dieser Song ist für mich pure Emotion. Wenn ich das Lied höre, erinnert er mich nicht an irgendeine bestimmte Erfahrung, sondern einfach an meine Kindheit mit meiner Mutter. Es fühlt sich einfach wie eine gute Erinnerung an. Ich werde da nostalgisch. Dass ich diesen Song singen und aufnehmen konnte, macht ihn noch mehr zu etwas Besonderem für mich.

mephisto 97.6: Gibt es noch andere Künstler, deren Musik du schätzt und die dich vielleicht auch inspiriert?

Fitzsimmons: Natürlich gibt es da Größen wie Nick Drake oder Elliott Smith. In den letzten Jahren habe ich aber fast ausschließlich The National und Mark Kozelek gehört. Lustig ist, dass ich The National anfangs gehasst habe. Ich hasste die Stimme von Sänger Matt, sie war tief und komisch und ich habe es nicht verstanden. Als dann das Album "High Violet" rauskam, habe ich mir das total übermüdet von einem Geschenkgutschein in einem Plattenladen auf einem Londoner Flughafen gekauft. Ich hörte mir es an und ich hatte das Gefühl, dass es das Beste war, was ich je in meinem Leben gehört habe. The National bedeuten mir viel, da die Songs so intim und persönlich geschrieben sind. Ich finde mich in vielem wieder, worüber Matt schreibt. Gleichzeitig ist es aber auch Rock, authentischer Rock. Obwohl ich sehr leise singe und Folkmusik schreibe, haben ich einen Hang zu dieser Art von Musik. 

Mark Kozelek ist wahrscheinlich einer der besten Songwriter, von dem bisher nur aber leider wenige Leute gehört haben, obwohl er schon seit 30 Jahren Musik macht. Kozelek schreibt seine Songs so ehrlich, fast zu ehrlich. Es gibt auf seiner letzten Platte zum Beispiel einen Song, in dem er über seine erste sexuelle Erfahrung singt. Ich habe mir diesen Song einmal angehört – seitdem überspringe ich ihn jedes Mal, wenn ich die Platte höre. Denn er ist zu persönlich für mich. Genau das ist es aber, was auch ich mit meinem Songwriting erreichen möchte: dass manche Menschen weghören müssen, andere aber gleichzeitig wirklich Trost in den Songs finden. 

mephisto 97.6: Hast du den Film gesehen?

Fitzsimmons: Er ist gerade in meiner Ausleihliste in meinem Amazon-Account. Ich habe noch 26 Tage Zeit ihn zu sehen. Hast du ihn schon gesehen?

mephisto 97.6: Ja, habe ich.

Fitzsimmons: Ist er gut? 

mephisto 97.6: Naja, der Bruder von Sänger Matt hat mich ein wenig genervt, aber es ist sehr cool, hinter die Kulissen seiner Lieblingsband blicken zu können. 

Fitzsimmons: Kennst du Tom Petty? Er ist sehr bekannt in America. Er ist einer der allerbesten Singer/Songwriter aller Zeiten. Ich habe eine vierstündige Dokumentation über ihn gesehen. Die ist hervorragend. Sie ist so interessant, weil es eine komische Erfahrung ist, einen Einblick in das Denken eines Künstlers, den man sehr schätzt, zu bekommen. Man hat ja das Gefühl ihn schon zu kennen und dann bekommt man aber noch mal zu sehen, wie dieser Mensch wirklich lebt. Das ist ein bisschen seltsam und befremdlich.   

 

Gut gelaunt: William Fitzsimmons im Interview
 

mephisto 97.6: Dir ist es wichtig, dass man aufrichtig und ehrlich mit dir umgeht. Aber ist es für dich immer einfach ehrlich zu sein?

Fitzsimmons: Ja, das fällt mir aus zweierlei Gründen leicht. Erstens wurde ich von einer sehr sehr ehrlichen und offenen liebevollen Mutter erzogen. Außerdem durch die Ausbildung und Arbeit als Psychotherapeut. Wenn man in diesem Beruf nicht ehrlich ist, scheitert man kläglich. Ich wurde dazu ausgebildet, Leute zu akzeptieren, egal was sie sagen oder fühlen. Ehrlich zu sein ist in meinem Kopf so fest verankert, dass ich beim Songschreiben aufpassen muss, nicht zu intim mit den Themen zu werden, wovor andere Leute Angst haben. Ich meine jetzt nicht Drogenmissbrauch oder Sex mit 100 Frauen. Es geht eher um Sachen, deretwegen man sich schämt, zum Beispiel Fehler, die man gemacht hat, von denen aber niemand weiß. Wenn man sich so etwas selbst eingesteht, ist das zwar erstmal beängstigend, aber gleichzeitig auch befreiend. Und wenn man dann mit jemandem darüber reden kann, ist das wie ein Last, die man abwirft und nicht mehr mit sich allein herumschleppen muss, man hat es sich von der Seele geredet. Ich hatte damit nie Probleme und ich glaube, manchmal bin ich dabei auch zu weit gegangen mit meinem so persönlichen und ehrlichen Schreibstil. Ich muss dabei auch immer bedenken, dass ich niemanden verletzen will. 

mephisto 97.6: Bevor du die Musik zum Beruf gemacht hast, warst du Psychologe. Fragen dich deine Mitmenschen deshalb öfter um Rat?

Fitzsimmons: Wenn man Psychologe ist, trifft an zwei Typen von Menschen. Da gibt es die, die mir sofort all ihre Probleme anvertrauen. Und dann gibt es die, die die mir nie etwas Persönliches erzählen würden, weil sie Angst haben, dass ich sie analysiere. Aber ich mag es, wenn Menschen sich mir anvertrauen. Das ist ein Kompliment, denn das bedeutet, dass ich nicht nur gut zuhören kann, sondern auch, dass ich empathisch bin und Leute nicht verurteile. Ich bin jetzt Vater und eine der wichtigsten Sachen, die ich meinen Kindern mitgeben will, ist, dass sie nicht über Leute urteilen sollen: Sie sollen die Leute einfach so akzeptieren, wie sie sind. Das ist echt schwer, denn es gibt echt schreckliche Leute auf dieser Welt.

mephisto 97.6: Du singst deine sehr ernsten Lieder auf der Bühne mit Leidenschaft, doch zwischen den Songs folgt ein Witz dem anderen. Beschreibt diese Gegensätzlichkeit deinen Charakter?

Fitzsimmons: Ja, auf jeden Fall, aber ist nicht jeder Mensch so? Ok, ich hab ein paar Leute getroffen, die vielleicht nur eine der beiden Seiten hatten, aber grundsätzlich glaube ich, dass jeder so ist. In der philosophischen Psychologie gibt es die Theorie der multiplen Persönlichkeiten. Das bedeutet, dass ich zum Beispiel jetzt gerade anders bin, als wenn ich mit meiner Frau allein bin, oder wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin, oder im Bus sitze, oder auf der Bühne stehe. Das bedeutet nicht, dass ich nicht authentisch bin, sondern dass meine Persönlichkeit viele verschiedene Aspekte hat. Ich bin sehr melancholisch, ich fühle mich angezogen von traurigen, deprimierenden und dunklen Themen. Aber ich bin gleichzeitig auch so hoffnungsvoll. Man hat immer etwas von beiden Seiten in sich. Ich kann sehr ernst sein, aber ich kann auch der größte Quatschkopf der Welt sein. 

 

Die Musik ist seine Passion.
 

mephisto 97.6: Du hast mal gesagt, dass Menschen, die als Einsiedler leben, die ausgeglichensten sind, die du kennen gelernt hast. Für dich ist das aber nichts: Du hast aber deinen eigenen Weg gefunden. Kannst du den als Tipp für mich beschreiben?

Fitzsimmons: Das ist eine gute Frage. Ich denke, wir sind soziale Wesen, die das Zwischenmenschliche brauchen. Ich lese zur Zeit ein Buch über Isolation und wie diese sich auf die menschliche Sozialisation auswirkt. Ich glaube, dass man sich selbst nur durch zwischenmenschliche Beziehungen richtig kennenlernen kann. Ich bin ein besserer Mensch, wenn ich Leute um mich habe. Da gibt es so ein bekanntes Sprichwort: Man ist sich selbst keine gute Gesellschaft. Vielleicht anfangs, aber nach einer Weile hält man es mit sich selbst nicht mehr aus, man braucht Menschen um sich. 

mephisto 97.6: Man geht sich mit der Zeit selbst auf die Nerven.

Fitzsimmons: Ja, genau. Weil niemand perfekt ist. Genau davon handelt die ganze Platte. Es geht um die beiden menschlichen Zustände. Einerseits ist der Mensch ein Ebenbild Gottes. "Imago Dei" sagt man auf Latein: Der Mensch ist ein Abbild Gottes. Wir sind also großartige Wesen. Aber wie kann man sich dann gleichzeitig Menschen wie Jeffrey Dahmer (Anmerk. der Red.: US-amerikanischer Serienkiller) oder Josef Fritzl erklären? Oder einfach nur jemand, der seine Frau nach 20 Jahren Ehe verlässt? Es geht also darum, rauszufinden, wie Mutter Teresa und Serienkiller das gleiche Wesen sein können. Das ist sehr irritierend. Ich glaube, wir zwei haben beide Eigenschaften in uns.

 

Am Grill der Parkbühne Geyserhaus wurde gegrooved.
 

mephisto 97.6: Zum fünften Mal seit 2008 stehst du heute in Leipzig auf der Bühne und jedes Mal auf einer anderen. Hast du einen besonderen Bezug zur Stadt? Oder ist das nur Zufall?

Fitzsimmons: Deutschland im Allgemeinen ist für mich ein besonderer Ort aus mehreren Gründen. Zum einen mag ich die Sprache, ich spreche sie gern, aber ich kann sie nicht gut. Ich spreche nur ein bisschen deutsch. Zum anderen habe ich sehr gute Freunde, die in Deutschland leben. Außerdem habe ich hier das erste Mal außerhalb der USA getourt und fühlte mich von Beginn an willkommen und das hat sich auch nie geändert. Leipzig im Speziellen ist so besonders für mich, weil die Stadt meinem Vater so viel bedeutet. Er ist Orgelspieler und Bach ist eines seiner größten Vorbilder. Er ist leider nie hier gewesen und ist aufgrund seines Gesundheitszustandes auch nicht mehr in der Lage, so eine lange Reise auf sich zunehmen. Aber ich kann ihm davon erzählen und ich freue mich, dass ich das mit meinem Vater teilen kann.  

William Fitzsimmons im Interview mit Peggy Strauchmann
Aus urheberrechtlichen Gründen können wir leider nur den ersten Teil des Interviews zur Verfügung stellen. 
Gut gelaunt: William Fitzsimmons im Interview
 
 

Kommentieren

Peggy Strauchmann
17.08.2014 - 22:19
  Kultur

Der US-Amerikaner William Fitzsimmons (*1978) ist ein bekannter Folkmusiker, der in diesem Jahr mittlerweile sein sechstes Album "Lions" veröffentlicht hat. 

Für Fitzsimmons, dessen Eltern blind sind, spielte Musik schon immer eine wichtige Rolle im Leben, denn sie war ein wichtiges Kommunikationsmittel innerhalb der Familie. Neben der Gitarre, deren Spiel er sich selbst beibrachte, spielt der Musiker auch Banjo, Ukulele, Mandoline und Melodica.

In seinen Liedern verarbeitet der Singer/Songwriter, der vor seiner musikalischen Karriere Psychologe war, private Erlebnisse wie die Scheidung seiner Eltern oder die eigene Trennung von seiner  Frau. 

Doch auch wenn viele seiner Songs einen melancholischen oder gar depressiven Anstrich haben, ist William Fitzsimmons ein humorvoller Zeitgenosse. Das beweist er immer wieder zwischen den Songs auf seinen Konzerten.