Gespräche auf dem Roten Sofa

28 Kapitel Obdachlosigkeit

Der Mann mit dem Pappschild, die alte Frau, die um Kleingeld bittet - jeder von uns ist schon mal Obdachlosen begegnet. Aber wer sind diese Menschen eigentlich? In „Obdachlos“ erzählt Robert Lucas Sanatanas ihre Geschichten.
Robert Lucas Sanatanas
Robert Lucas Sanatanas lebte selbst elf Jahre auf der Straße und erzählt Redakteurin Lara Lorenz davon und von seinem Sachbuch.

Die Menschen von draußen – wie Sanatanas sie nennt – kommen in „Obdachlos – Porträts vom Leben auf der Straße“ relativ ungefiltert zu Wort. Oft lässt er sie einfach erzählen, zum Teil schreibt er Gespräche mit ihnen auf und manchmal fügt er seine eigenen Gedanken hinzu. Beim Lesen wird schnell klar: Es gibt nicht „den Obdachlosen“. Es gibt Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen draußen sind, die damit unterschiedlich umgehen und dabei unterschiedliche Gefühle haben. 

Wer lebt eigentlich auf der Straße?

Da gibt es Karsten, der vom Klauen lebt und sich dabei als Robin Hood fühlt. Er erzählt unverblümt von seinen Diebstahltaktiken, aber eigentlich wirkt er ganz sympathisch. Dann ist da Monique, das intelligente Computergenie. Sie lebt illegal in einem alten Pferdestall und zapft Strom aus einer nahen Wohnung ab. Es gibt Armin, der es von ganz unten bis nach ganz oben geschafft hat und mittlerweile ein erfolgreicher Friseur ist. Und da ist Karl, der total auf Star Trek steht und am liebsten mal mit Captain Jean-Luc Picard den besten Earl Gray des Universums trinken möchte. Und es gibt Robert Lucas Sanatanas. Der Autor hat selbst elf Jahre auf der Straße gelebt. 

Noch ein Sachbuch über Obdachlose?

Sanatanas weiß also, wovon er schreibt. Er versucht nicht, Obdachlosigkeit zu erklären, zu verschönern oder zu verharmlosen. Er erzählt einfach von Menschen und ihrem Leben auf der Straße. Damit fällt „Obdachlos“ zwar offiziell in die Kategorie Sachbuch, aber eigentlich will es gar keins sein: Es geht schließlich um Menschen und Gefühle und nicht um Statistiken und angestrengte Erklärungen zum Thema Obdachlosigkeit in Deutschland.

„Ein Sachbuch darüber, wie sich etwas anfühlt? Gefühle sind ihrer Natur nach nicht sachlich. Auch sind die Menschen von draußen keine Sachen.“ 

Robert Lucas Sanatanas, „Obdachlos – Porträts vom Leben auf der Straße“

Es sind sehr viele Geschichten, Sichtweisen und Gedanken, die Sanatanas in seinem Buch anführt. Das Buch hat 28 Kapitel, doch in denen kommen oft mehrere Menschen zu Wort. Die vielen Namen können manchmal verwirrend sein und die Vielzahl an Geschichten überwältigend.

„Habt gefälligst nicht alle so einen elenden Schiss voreinander!“

„Obdachlos“ gibt uns einen kleinen Blick in die Welt draußen auf der Straße. Es regt dazu an, wenigstens literarisch über den Tellerrand hinauszuschauen und nochmal neu über die Menschen von draußen nachzudenken. Dabei klingt einem Sanatanas letzter Satz nach: „Habt gefälligst nicht alle so einen elenden Schiss voreinander!“

Auf dem Roten Sofa

Im Gespräch auf unserer Couch erzählt Sanatanas von den Gesprächen mit den Obdachlosen, die er für seine 28 Kapitel gesammelt hat.

Mitschreiben und keine Meinung dazu haben. Das hält man sonst nicht aus. 

Während Sozialwissenschaft, Medizin und Politik nicht weiterkommen, will er sich mit den Möglichkeiten der Literatur den Problemen der Obdachlosen nähern. Mit dem Buch will er Respekt und Achtung vor allen Formen des Lebens schaffen. 

Robert Sanatanas im Gespräch mit Lara Lorenz
 
 

Kommentare

@Gundula Meyer Ein Schriftsteller, der nicht nur die Höhen und Tiefen des Drin und Draussen des eigenen Lebens kennt und meistert, sondern darüber hinaus in seinem Buch Obdachlos mit einer feinsinnig literarischen Sprache die einzelnen Schicksale respektvoll, auch mit spezifischem Humor nicht nur beschreibt, sondern auch - vielleicht ganz unbeabsichtigt - dazu beiträgt, diesen eine Stimme der Existenzberechtigung in unserer Gesellschaft zu geben, zumindest eine menschliche. Allein schon deshalb ist es ein wichtiges Buch.

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Robert Lucas Sanatanas arbeitet gerade an seinem Roman "Ostgott". Er schreibt auch Theaterstücke („Neumond“, „Richter Tsanghi schreibt Liebesbriefe“). Außerdem ist Sanatanas Literaturveranstalter. 2016 organisiert er zum zweiten Mal „Alex am Alex“: Verschiedene Menschen lesen auf dem Berliner Alexanderplatz aus Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ vor. 

Sein Buch „Obdachlos – Porträts vom Leben auf der Straße“ ist im Herder Verlag erschienen, umfasst 208 Seiten und kostet 24,99 Euro.