Rediscovered: Radiohead

2000er-Soundtrack? 2020-Soundtrack!

Ein paar Töne reichen aus, um die Musikwelt 2000 aus den Angeln zu heben. Radiohead, die damals vielleicht größte Rockband der Welt, hat plötzlich aufgehört, eine Rockband zu sein. Der musikalische Initialschock "Kid A" wird heute 20 Jahre alt.
Radiohead (v.l.n.r.): Ed O'Brien, Phil Selway, Thom Yorke, Colin Greenwood, Jonny Greenwood

Lange brauchte es nicht, um zu verstehen, dass Radiohead auf "Kid A" keinen Stadionrock mehr macht. Im Opener „Everything In Its Right Place“ gibt es keine Gitarren und kein Schlagzeug, sondern modulare Synthesizer und Drummachines. Doch wie konnte es zu diesem scheinbar plötzlichen Sinneswandel überhaupt kommen?

Kaputt getourt

Dazu braucht es den Blick zurück. 1997 veröffentlichen Thom Yorke, Ed O’Brien, Phil Selway und die Brüder Jonny und Colin Greenwood das umjubelte Album „OK Computer“. Die Platte brachte den Briten nicht nur Lob von den Kritikern und einen Grammy, sondern sorgte auch für den großen Durchbruch der Band in den USA. Radiohead waren das neue Aushängeschild des Rocks. Auf das Album folgte eine einjährige Welttournee mit unfassbaren 114 Shows. Die Erwartungshaltung an die Rockband Radiohead und das exzessive Touren setzten damals vor allem Frontsänger Thom Yorke zu.

Fucking rock music sucks, I hate it. […] It’s not really the music, sitting on a stage, playing guitar and the drums and singing. That’s not what I’m talking about. What I’m talking about, is the mythology. […] I have a real problem with the idea, that you have to tour yourselves stupid. […] I totally snapped, I had enough of it.

Frontsänger Thom Yorke im Jahr 2001

Die großen Erwartungen und das erschöpfende Tourleben sorgten daraufhin für Zerwürfnisse innerhalb der Band. Thom Yorke rutschte in eine Schreibblockade und hatte Probleme, Songs auf der Gitarre zu spielen. Stattdessen inspirierte ihn hauptsächlich Musik, die überhaupt nichts mit Rock zu tun hatte – unter anderem von IDM-Pionier Aphex Twin, Musiker*innen des experimentellen Labels Warp Records und die Loopkünste des Hip-Hop-Genius DJ Shadow. So bekamen die stockenden Arbeiten an „Kid A“ plötzlich eine drastische, hauptsächlich elektronische Wendung. Diese gipfelt auf der Platte unter anderem in dystopisch und kühl klingenden Songs wie „Idiotique“, das vor düster und kalt vor sich hinloopt.

Puzzlearbeit

Doch nicht nur die Musik wirkt düster und distanziert, auch die Texte auf dem Album sind seltsam kryptisch. Grund dafür ist unter anderem ein fragmentierter Arbeitsansatz.

With the writers block thing [...] I basically had all the things that didn't work and stopped throwing them away [...] and cutting them up and putting them in this top hat. And pulling them out. [...] What it did was I managed to preserve whatever emotions were in the original writing of the words [...] but in a way [...that] I'm not tryna emote.

Thom Yorke über seinen Schreibprozess auf "Kid A"

Ergebnis dieser ungewöhnliche Arbeitsweise waren ungewöhnliche Zeilen, oftmals völlig ohne Kontext und mehrfach wiederholt. Und typisch für Radiohead sind diese Zeilen wenig subtil, ein wenig pseudo-dramatisch, aber dennoch faszinierend und inzwischen in Musikkreisen legendär.

Yesterday I woke up sucking a lemon
Yesterday I woke up sucking a lemon
Yesterday I woke up sucking a lemon
Yesterday I woke up sucking a lemon

Radiohead in "Everything In Its Right Place"

Neben dieser glorifizierten Entstehungsgeschichte, den absurd-poetischen Textsplittern und dem großen Mittelfinger an jegliche Erwartungshaltung ist die große Leistung des Albums aber eine andere: „Kid A“ klingt unverkennbar nach Radiohead – völlig egal, mit welcher Instrumentierung dabei gearbeitet wird. Dazu tragen auch Songs wie die todtraurige Ballade „How To Disappear Completely“ bei. Der Song schlägt in dieselbe Kerbe wie auch schon „Exit Music (For A Film)“ auf OK Computer oder „Fake Plastic Trees“ auf dem Album „The Bends“ von 1995. Und obwohl all diese Track artverwandt sind, fühlt sich der Song trotzdem nicht wie eine Kopie an und klingt unverwechselbar nach „Kid A“.

Klang der Gegenwart?

Doch was fasziniert Menschen 20 Jahre später immer noch an diesem Album? Was verleitet bis heute dazu, dass Leute "Kid A" neu entdecken und sich in das Album verlieben? Rein musikalisch betrachtet erfindet „Kid A“ das Rad nicht neu, sondern bedient sich bei Genres wie IDM, Krautrock und Loop Music. Was die Platte trotzdem heute noch besonders macht, ist ihre pure Radikalität. Drei Gitarristen in der Band zu haben und die Gitarre quasi außen vor zu lassen, ist eigentlich unerhört. Und als Rockband mehr oder weniger Ambient Music zu produzieren, genauso.

Und vielleicht ein weiterer Grund, warum das Album weiterhin so beliebt ist: Es altert nicht, im Gegenteil. „Kid A“ klingt in seinen dystopischen Klangwelten und seinen Texten über Depression und Isolation wie eine Platte, die eher ins Jahr 2020 als nach 2000 gehört. Insofern: Happy Birthday „Kid A“ - auf dass du möglichst bald wie die Vergangenheit klingst.

 

Der Beitrag zum Nachhören:

Rediscovered: Radiohead - Kid A
 

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Radiohead: Kid A

Tracklist:

1. Everything In Its Right Place

2. Kid A

3. The National Anthem

4. How To Disappear Completely

5. Treefingers

6. Optimistic

7. In Limbo

8. Idioteque

9. Morning Bell

10. Motion Picture Soundtrack

11. Untitled

Erscheinungsdatum: 02.10.2000
XL Recordings Ltd.