Über den Arbeitsalltag eines Tierwirts

In der Ruhe liegt die Kraft

Über LandwirtInnen hört man ja viel. Besonders dann, wenn sie mit ihren Traktoren die Autobahnen blockieren, um in der nächst größeren Stadt für Anerkennung und gegen weitere Umweltauflagen zu demonstrieren. Doch was machen die sonst noch so?
Zufriedene Gesichter sind für Sven und Henry das beste Feedback ihrer Arbeit.
Zufriedene Gesichter sind für Sven und Henry das beste Feedback ihrer Arbeit.

Es ist 6.45 Uhr in dem 300 Einwohner Dorf Trebnitz in Sachsen-Anhalt. Die Luft ist kühl und könnte nicht klarer sein als ich aus der Haustür raus über den Hof zum Grundstückstor laufe. Alles ist still, nur meine eigenen Schritte und, wie sollte es auch anders sein, ein krähender Hahn aus dem Nachbargarten sind zu hören. Vor dem Tor werde ich bereits von Sven erwartet. Er hat kurze blonde Haare, ist normal groß und trägt dunkle Funktionskleidung. Nach einem freundlichen „Morgen-Morgen“ steigen wir in seinen grünen Skoda.

Sven ist Angestellter Tierwirt der Landgut Friedendorf GmbH im nahegelegenen Ort Bad Dürrenber. Täglich pflegt und versorgt er mit seinem Kollegen Henry etwa 180 Kühe, 8 Bullen und zahlreiche Kälber bis sie eines Tages an den Schlachter verkauft werden.

Wir haben jetzt knappe 70 Kälber. Täglich kommen neue dazu.

Tierwirt Sven

Von Februar bis Mai kalben die Mutterkühe. Das bedeutet für Sven, dass neben seinen Routinearbeiten, wie dem Ausmisten, dem Füttern und einigen Büroarbeiten, viel Zeit in die Arbeit rund um die neugeborenen Kälber fließt.

Früher waren wir mal zu dritt.  Ist ein bisschen schlecht, dass wir jetzt nur zu zweit sind, ist ein bisschen stressig, 

erklärt Sven so ruhig als wäre es doch nicht so schlimm. 

Nach 10 Minuten Fahrt erreichen wir schließlich den Hofkomplex, bestehend aus drei großen Ställen, die circa fünf Meter hoch und 30 bis 40 Meter lang sind. In den Außenstellen stehen ein paar der Fleckviecher – das sind die häufigsten und, wie der Name schon sagt, gefleckten Kühe auf dem Hof. Sie heben neugierig ihre Köpfe als wir ankommen und muhen uns zu, sodass man sich ein bisschen begrüßt fühlt.

Durch einen dunklen Gang, erreichen wir den Aufenthaltsraum. Der Kollege Henry wartet bereits. In der Mitte des Aufenthaltsraums steht ein einfacher Gemeinschaftstisch. Zwei kleine, hohe Fenster werfen Licht auf den papier gefluteten Schreibtisch und einen Aktenschrank. An den Wänden hängen selbstgemalte Kuhbilder sowie mehrere Wandkalender. Außerdem beherbergt der Raum eine schmale Anrichte für zwei Herdplatten und eine Kaffeemaschine. Bevor sich die beiden Tierwirte in ihre Arbeitsklamotten begeben, werden noch ein paar private Holzgeschäfte abgewickelt und die anstehenden Arbeiten geklärt: Zuerst wird nach dem Wohlbefinden der Tiere geschaut. Dann bekommen „die Neuen“ eine Ohrmarke verpasst und schließlich wollen alle 250 Rinder gefüttert und ausgemistet werden. Was nach einer Menge Arbeit klingt, beschreibt Sven ruhig und gelassen. 

Auf zur ersten Visite

Mit Latzhose und Gummistiefeln geht es wieder entlang des dunklen Ganges durch eine Schiebetür in den ersten Stall. Hier stehen die Fersen, also die Jungkühe, etwa 24 Monate alt, die nicht tragend oder zum ersten Mal tragend sind. Zuerst wird grob nach den Rindern geschaut und sich ein Überblick verschafft, wie viele Kälbchen in der letzten Nacht dazu gekommen sind. Einmal durch Stall und Außenbereich durch, scheint hier alles ruhig. 

Also geht es rüber zu den erfahrenen Mutterkühen. Auf dem kurzen Weg dorthin erinnern sich die beiden an eine Notgeburt vor nur wenigen Tagen:

Da haben wir Geburtshilfe geleistet, weil die Nachgeburt raushing, aber kein Kalb zusehen war. Dann haben wir mal eingefasst und da hing es. Da haben wir Geburtshilfestricke geholt und dann ging’s.

Also auch Geburtshilfe und Notdienste gehören zu den Aufgaben der Tierwirte. Die Zeit einen Tierarzt zu rufen, gibt es oft nicht, wenn es um Leben und Tod geht. Was mir jedoch klar wird: für diesen Job ist Svens Ruhe von enormer Wichtigkeit.

Bis in die hinterste Ecke wird nun im Stall nach neuen Kälbern gesucht. Manchmal ist das gar nicht so leicht, weil die zarten Kälbchen kaum im Stroh zu sehen sind. Wird eins entdeckt, schauen es sich die beiden genauer an: Was machen die Ohren und die Augen? Sind diese aufgestellt bzw. offen oder hängend? Kann das Kalb von selbst aufstehen und laufen? Und wie sieht der Nabel aus?

Wenn die Stimmung kippt...

Als Sven auf das kleine, noch nasse Kalb zugeht, kippt auf einmal die bis dahin entspannte Stimmung. Innerhalb von Sekunden kniet Sven im Stroh. Mit seinen Oberschenkeln hält er das junge Kalb fest und dreht es rücklings, um den Bauchnabel begutachten zu können. Zuvor ruhig dastehende Kühe traben nun durch das Stroh, umkreisen die Männer und muhen lauter, fast schon panisch.

Mache dich ja fort du! Hau ab!

Mit einem meterlangen Stück Rohr aus hartem Plastik hält Henry die aufgeregten Kühe fern. Trotz des impulsiven Tons wirkt Henry keineswegs ängstlich. Bis auf einmal eine Kuh ihren Kopf senkt und im Stroh schabt als wollte sie gleich auf die beiden zu rennen.

Die kratzt schon wieder. Wir gehen lieber mal weg. Den müssen wir nachher noch behandeln.

In den ersten Tagen nach der Kalbung ist der Schutzinstinkt der Mutterkühe besonders hoch, erklärt Sven. Die sogenannten „Spezialistinnen“ verstehen in dieser Zeit keinen Spaß, sobald man ihren oder anderen Kälbern zu nahekommt.

Dann könnten die uns im Zweifel auf die Hörner nehmen und das wollen wir ja möglichst vermeiden,

unterstreicht Sven.

Deswegen ist es immer schön, wenn man sich auf den Zweiten verlassen kann. Und wenn der die nicht zurück kriegt, dann lässt du eben alles stehen und liegen und [pfeift] bist weg.

Bisher haben die „Spezialistinnen“ das jedoch nur angedeutet und die beiden das Kalb einfach später behandelt, wenn wieder die nötige Ruhe eingekehrt ist. Zur Not wird das Kleine für die Begutachtung kurz von der Mutter separiert. Klar ist jedoch, eine Untersuchung ist unabdingbar:

Die Nabel sind ganz wichtig. Die kriegen stellenweise Nabelentzündungen. Dann werden die Nabel richtig dicke. Das geht dann auf die Gelenke und dann gehen sie meistens ein.

Kühe gebären ihre Kälber im Stehen. Das bedeutet, dass diese bei der Geburt ins Stroh fallen, wobei die Nabelschnur reißt. Kritisch wird es, wenn diese sich nahe am Bauch des Neugeborenen löst. Denn so kommen schneller Keime in den Organismus, die eine Nabelentzündung zur Folge hätten.

 

Damit es zu keiner Nabelentzündung kommt, müssen einige Kälber behandelt werden.

Damit es zu keiner Nabelentzündung kommt, müssen einige Kälber behandelt werden. (Foto: Luisa Bula)

Im schlimmsten Fall gehen sie dann über die Klinge und das wollen wir eben nicht. Wir arbeiten ja das ganze Jahr daraufhin gesunde, mobile Kälber zu haben. Die sind ja unsere einzige Einnahmequelle.

Kein Zögern. Nachladen. Und Klack.

Nach der ersten Visite durch alle drei Ställe wurden insgesamt vier neue Kälber gezählt. Für die werden nun Ohrmarken, Ohrmarkenzange und Buchenholzteer zur Desinfektion der Nabel geholt.

Das riecht wie frisch geräuchert. Da denkste, du kommst vom Fleischer. Direkt aus der Räucherkammer.

Die zähe, pechschwarze Flüssigkeit transportiert Henry in einer alten Fitflasche. So kann das Buchenholzteer optimal auf die Nabel aufgetragen werden und desinfizieren. Sven trägt die restlichen Utensilien und einen kleinen Notizblock bei sich. Die Ohrmarkenzange hält er einsatzbereit in seiner Hand. Mit der Zange wird dem Kalb beim Einziehen der Ohrmarken gleichzeitig ein Stück Gewebe entnommen und zur Kontrolle auf Krankheiten ans Veterinäramt geschickt. Doch nicht nur die Probe ist höchst wichtig für den weiteren Werdegang des Kälbchens. Denn ohne die Ohrmarken, ist das Kalb für den Betrieb nutzlos. 

Die Ohrmarken sind wie der Personalausweis für die Kuh.

Besitzt ein Rind keine Ohrmarke, ist das Tier keinem Besitzenden zuordenbar. Niemand würde es kaufen – zumindest nicht auf legalem Wege. Die Ohrmarke schützt davor das kein Schindluder mit den Tieren betrieben wird, erklärt Sven.

Zurück im Stall müssen Sven und Henry die neuen Kälber nicht lange suchen. Sie wissen genau zu welcher Kuh sie gehören und erkennen diese sofort. Kaum nachvollziehbar, dass die beiden bei so vielen Flecken so einen Durchblick haben. Nach den Speziellen oder den Freundinnen, wie sie zynisch von Henry genannt werden, halten die beiden besondere Ausschau. Sekunden später kniet Sven schon wieder im Stroh. Diesmal zappelt das Kalb energisch hin und her, doch übt damit keinen großen Einfluss auf Svens Ruhe aus.

Der ist keinen Tag alt, hat aber Kraft wie die Großen. Wenn die uns treffen, das tut schon ganz schön weh.

Kein Zögern. Nachladen. Und Klack. Die Ohrmarke sitzt. Genau da, wo sie hingehört.

Immer zwischen zweite und dritte Ohrrippe, sonst hängt die zu weit oben oder zu weit unten.

  

Mit dem Einziehen der Ohrmarke erhält jedes Kälbchen seine Identität.

Mit dem Einziehen der Ohrmarke erhält jedes Kälbchen seine Identität. (Foto: Luisa Bula)

Mit dem Traktor zur Flocke

Nachdem alle Neugeborenen mit ihren Personaldokumenten versorgt sind, ist Zeit für eine Pause. Es gibt herzhafte Stullen, knackiges Gemüse und eine Tasse Kaffee. Nebenbei werden die weiteren Arbeitspläne besprochen: Henry mistet die Ställe aus und Sven fährt zur Flocke, dem Hauptbüro des Agrarbetriebes. Dort kann er nun Rinderpässe für die Kälber abholen, deren Gewebeprobe er bereits vergangene Woche ans Veterinäramt geschickt hat. Gefahren wird mit dem Traktor. So sitzt man höher und sieht besser, begründet Sven unsere Transportwahl. Auf dem Weg über kleine Landstraßen erzählt Sven von seinen Arbeitsbedingungen. Seitdem er als Tierwirt arbeitet und nicht mehr als Landwirt auf dem Feld, sind seine Arbeitszeiten deutlich geregelter. Das ist wichtig für Sven, denn er hat einen gerade eingeschulten Sohn. Von Montag bis Freitag arbeitet er von 7.30 Uhr bis 15.30 Uhr. Zur Zeit der Abkalbungen geht das jedoch nicht immer ganz auf. Und auch, dass die Kühe am Wochenende versorgt werden wollen, leuchtet ein. Was für manche unvorstellbar wäre, ist für Sven selbstverständlich.

Am Wochenende gehen wir meist nur zwei, drei Stunden. Jetzt bei den Abkalbungen gehen wir auch immer zweimal am Tag.

Für ihn bedeutet die Arbeitszeit am Wochenende nur ein paar Stunden. Die Kühe haben eben auch samstags und sonntags Hunger. Als sie noch zu dritt waren, konnten sie sich die Zeiten einteilen, sodass man immerhin an einem Wochenende frei hatte.

Das können wir zurzeit nicht ändern, weil wir eben nur zwei Mann sind.

Wieder klagt Sven nicht als er von der Personalsituation erzählt. Dass eine neue Arbeitskraft eingestellt wird, davon geht er aus. Die Frage ist nur, wann sich eine geeignete Person findet, die ausreichend Ruhe und Flexibilität mitbringt – ganz schön hohe Anforderungen also.

Mittagspäuschen. Wiederkäuen. Ruhen.

Zurück am Hof ist bei den Kühen die Mittagsruhe eingekehrt. Sich sonnend und ruhig vor sich hinkauend, liegen sie im Stroh der Außenbereiche. Man merkt, dass es Sven freut, wenn sich die Kühe so offensichtlich wohl fühlen.

Die haben es ja auch schön. Liegen in der Sonne. Es ist nicht so windig und sie kauen wieder.

Derweil hat Henry die Kühe bereits mit Silage versorgt. 

Könnte man balde selber essen wie Sauerkraut.

Neben den herzhaft-säuerlich riechenden Gräsern, bekommen die Kühe noch Mais, Soja und gequetschten Hafer. Dabei ist ein ausgewogenes Mengenverhältnis wichtig, denn sonst würden die Kälber bereits im Bauch zu groß und riskante Geburten evozieren. Solche riskanten Geburten benötigten Svens und Henrys mit Geburtshilfe.

 

Immer schön in einer Reihe. Heu, Soja, Mais, die Kühe werden ausgewogen gefüttert.

Immer schön in einer Reihe. Heu, Soja, Mais, die Kühe werden ausgewogen gefüttert. (Foto: Luisa Bula)

Futtern, wiegen und adé!

Sind die Kälber dann aber einmal auf der Welt ist Zunehmen angesagt. Nach 365 und 500 Tagen werden sie gewogen, um so ihre Tageszunahme zu ermitteln.

Wir sind immer bestrebt die Tageszunahmen so hoch wie möglich zu haben. Wir hatten dieses Jahr einen, der hat durchschnittlich 1005 Gramm am Tag zugenommen.

Umso höher das Gewicht der Tiere beim Verkauf, umso mehr Ertrag bringt das Jungtier ein. Mutterkühe, deren Kälber deutlich weniger zunehmen und somit weniger beim Gewicht beim Verkauf aufzeigen bringen weniger Ertrag. Diese Mutterkühe werden nach und nach aussortiert. Ein hartes Geschäft also, das zu Svens Arbeit dazugehört.

„Komm, Kälbsche komm!“

 

Zum ersten Mal dürfen die kleinen heute raus ins Grüne.

Zum ersten Mal dürfen die kleinen heute raus ins Grüne. (Foto: Luisa Bula)

Doch bevor die kleinen Kälber abtransportiert werden ist noch Zeit. Heute dürfen ein paar der Kleinen zum ersten Mal raus auf eine kleine angrenzende Wiese. Der Ton mit dem Sven die Kühe hervorruft, dem Jodelgesang sehr ähnlich. Zumindest fühlt man sich etwas, wie beim Almauftrieb.  Drängeln und galoppierend stürzen sich Groß und Klein auf die Grashalme.

Mopsfidel die Kleinen. Das ist schon schön draußen mit den Kälbern.

Für Sven beginnt jetzt die schönste Zeit seiner Arbeit. Zuzusehen wie die Kleinen umher toben und täglich wachsen. Ein gesundes Leben mit viel Grün und viel Auslauf haben – das ist für Sven das Wichtigste. Ob er dafür mal länger und am Wochenende arbeiten muss, das gehört, wie so vieles, für Sven dazu.

Dafür muss man eben gestrickt sein.

 

 

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Luisa Bula
26.05.2020 - 21:16