Buchkritik

Geschichte einer Depression

"Bin ich jetzt ein Leben müde?" fragt Benjamin Maack, Autor und zugleich Protagonist des Buches "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein". Denn es ist die Geschichte seiner Depression, die er erzählt.
"Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" – erschienen im Suhrkamp Verlag.
"Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" – erschienen im Suhrkamp Verlag.

Benjamin hat Depressionen. Und das obwohl er nach eigenen Worten ein „erfolgreicher Erwachsener" ist: Karriere, Frau, Kinder – bei Benjamin läuft’s. Eigentlich. Aber er fühlt nichts. Weder, wenn er befördert wird, noch, wenn er seinen Sohn umarmt.

Ich halte diesen Fünfjährigen in meinen Armen, der mich offenbar sehr liebt, und mir fällt nichts ein außer Selbstmitleid. Dieser kleine Junge hält mich mit all seiner Kraft, und ich frage mich, warum er das tut, ob das, was er mit seiner Liebe meint, wenn er mich so umarmt, noch da ist. Er drückt sich an mich, und in meinem Kopf bin nur ich. Aber das ist ja gar nichts. Es gibt ja gar kein Ich. Wo eins sein sollte, sind nur Fremdheit und Taubheit.

Zitat aus "Wenn er das noch fühlt, kann es nicht so schlimm sein"

Schreiben in der Psychiatrie

Dieser inneren Leere gibt Benjamin erstmal nicht nach. Bei der Arbeit, unter Freunden – da funktioniert er. Noch. Aber dann kommt der Nervenzusammenbruch und Benjamin muss in die Psychiatrie. Was ihm fehlt, weiß er nicht.

Ich habe keine Gründe, nur Wehwehchen. Ich dürfte gar nicht hier sein. Eigentlich ist es noch bescheuerter. Ich müsste gar nicht hier sein, ich könnte zu Hause sein und mein glückliches Leben leben, wenn ich nicht so ein Idiot wäre. Ich wünschte, ich hätte ein richtiges Problem. Aber irgendwie habe ich ein falsches.

Zitat aus "Wenn er das noch fühlt, kann es nicht so schlimm sein"

All diese Gedanken schreibt Benjamin auf. Das gibt ihm Halt. Und so ist aus einem Word-Dokument mit vielen ungeordneten Notizen ein Buch geworden: „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein.“ Darin nimmt der Autor uns mit, in seine Gedankenwelt und den Klinikalltag – zwischen Therapiestunden und Tabletten.

Bin ich mit den Tabletten ein anderer? Sicher. Will ich ein anderer sein? Weiß nicht. Muss ich ein anderer sein? Bestimmt. Vermisse ich den, der ich vorher war? Ja. Weiß ich, wer ich vorher war? Nein.

Zitat aus "Wenn er das noch fühlt, kann es nicht so schlimm sein"

Selbstmordgedanken und leere Seiten

Benjamin Maack findet für seine Depressionen so klare und treffende Worte, wie vielleicht noch keiner vor ihm. Mal wird er dabei philosophisch, mal schreibt er mit Humor, dann wieder sehr düster. Zum Beispiel, wenn es um seine Selbstmordgedanken geht.

Alle Menschen mit Selbstmordgedanken, rhetorische Pause, machen denselben Denkfehler, sagt der Arzt. Sie wünschen sich Erleichterung und meinen, sie können diese über den Suizid erreichen. Aber wenn sie sich umbringen würden, käme ja keine Erleichterung, sondern nichts. - Stimmt. - Sehen Sie. - Aber ich will gar keine Erleichterung, ich will nur, dass es aufhört. - Aber das werden Sie dann ja nichtmehr erleben. - Das ist mir egal, mir reicht’s, wenn’s vorbei ist.

Zitat aus "Wenn er das noch fühlt, kann es nicht so schlimm sein"

An manchen Tagen schafft es Benjamin nicht, zu schreiben. Geschweige denn, irgendetwas anderes zu tun. Da bleibt er einfach nur im Bett liegen. Das wird im Buch auch kenntlich gemacht: Unvollendete Sätze, leere Seiten, fehlende Wörter – Benjamin Maack bricht mit Konventionen.

Lesen Sie dieses Buch!

Zum Beispiel taucht inmitten der ersten Hälfte des Buches völlig unvermittelt ein Disclaimer auf:

Disclaimer: Hier wird am Ende übrigens nicht alles gut. Das hier ist ja nicht mal eine Geschichte. Wenn Sie Geschichten mögen, legen Sie das Buch lieber weg. Ich nehme Ihnen das nicht übel. Legen Sie es weg, und schreiben Sie eine wütende Amazon-Kritik, retten Sie die Welt vor diesem Machwerk. Ach ja. Wenn Sie Tipps und Tricks für den Umgang mit Depressionen suchen, legen Sie dieses Buch auch weg. Und melden Sie sich, wenn Sie etwas gefunden haben, das wirkt.

Zitat aus "Wenn er das noch fühlt, kann es nicht so schlimm sein"

An alle anderen: Lesen Sie dieses Buch. Unbedingt. Denn wenn Sie das tun, dann werden Sie am Ende besser verstehen, was Depressionen mit einem Menschen machen. Und diese Krankheit geht uns alle etwas an.

 

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Angela Fischer
26.03.2020 - 13:37
  Kultur

"Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" von Benjamin Maack ist im Suhrkamp Verlag erschienen, hat 334 Seiten und kostet 18 Euro.