Filmkritik: 303

Before We Kiss

Das deutsche Romantik-Kino präsentiert sich in Hochform: Nach dem kältesten Nasenkuss wird nun im Roadmovie "303" der vielleicht überfälligste Kuss der Filmgeschichte ausgetauscht. "303" ist das jugendliche, wortreiche Pendant zu "In den Gängen".
303
Die Reisegefährten Jule (Mala Emde) und Jan (Anton Spieker) - zwei, die sich riechen können.

Der Radiobeitrag zum Nachhören:

Der Radiobeitrag von Karen Müller
2507 303 BmE

Flirrende Sommerhitze. Ende der Vorlesungszeit, die Klausuren sind geschrieben. Vor den Studierenden liegen aufregende Wochen, die es zu nutzen gilt: Die Semesterferien. Hervorkriechen hinter den Bücherbergen in der Bibliothek, endlich auf die weite Welt losgelassen werden. Dem Alltagstrott entfliehen. Die Batterien aufladen. Den Kopf freibekommen.

Ein wenig Ablenkung kommt Jule und Jan gerade recht. Beide sind Mitte 20 und studieren in Berlin. Sie ist durch ihre Biochemie-Prüfung gerasselt, er muss dagegen die Absage für ein Stipendium hinnehmen. An einem nicht gerade malerischen Ort nimmt ihre Romanze seinen Anfang: An einer Autobahnraststätte, ganz banal. Die Biologie-Studentin ist in ihrem schmucken Oldtimer Wohnmobil auf Mercedes-Basis, Typ 303 unterwegs. Tramper Jan möchte in Spanien seinen leiblichen Vater kennenlernen und wendet sich an die freundlich lächelnde, junge Frau neben ihm mit einer Bitte:

Würdest du mich ein Stück mitnehmen? - Kannst mitkommen. Jule. - Jan. Hi. Wohin fährst du eigentlich? - Nach Portugal. Ich besuche meinen Freund.

Jan und Jule

Vorgesehen ist, die Fahrgemeinschaft in Köln aufzulösen. Die zwei Aussteiger finden jedoch nach Startschwierigkeiten Gefallen an der Gesellschaft des anderen. Von Jules spontanem Vorschlag

Nochmal 500 km?

Jule

ist Jan deshalb direkt angetan. Auf ihrem Roadtrip durch die schönsten Ecken Europas albern die Reisenden herum, flirten und diskutieren leidenschaftlich über Gott und die Welt. Allmählich fällt es ihnen immer schwerer, sich nicht in einander zu verlieben. Getreu dem Motto: Was sich neckt, das liebt sich eben.

Vereinzelungsstrategie des Kapitalismus. Weißt du, dabei entspricht es überhaupt nicht der Natur des Menschen allein zu sein. Null. Der Mensch schüttet Stresshormone aus, wenn er alleine ist. Schon nach ein paar Minuten. Was war das? - Zärtliche Berührung. Killt Stresshormone.

Jule und Jan 

303

Wichtige Botschaft in schnelllebiger Gegenwart: Schaltet alle mal einen Gang herunter!

Regisseur Hans Weingartner hat sein grundsympathisches und tiefentspanntes Roadmovie als filmische Antithese zu der Dating-App Tinder bezeichnet. Und mit dieser Einschätzung trifft der Filmemacher auch den Nagel auf den Kopf. Ganz im Sinne seines motorisierten Hauptdarstellers nimmt sich der Film „303“ Zeit. Für seine einfühlsam gezeichneten Figuren und die aufkeimende Romanze „on the road“. Zahlreiche Naheinstellungen von Jule und Jan geben dabei jedwede Gesichtsregung preis. Dahinter stehe immer die Absicht, ihre zaghafte Annäherung für das Publikum unmittelbar erlebbar zu machen, erklärt Regisseur Hans Weingartner.

Dass man das Gefühl bekommt, mit den beiden auf die Reise zu gehen. Die Kamera ist immer ganz nah dran an ihnen - wie ein stiller Begleiter. Du hast auch mal Zeit die zu beobachten. Jule zuzugucken, wie sie sich einen Kaffee kocht.

Regisseur und Co-Drehbuchautor Hans Weingartner

Frage nach dem Grundprinzip: Egoismus oder Altruismus? 

Dieses Vorgehen rückt das redselige Roadmovie in die Nähe von „Before Sunrise“. Der Liebesfilmklassiker von Richard Linklater stand für „303“ Pate. Dort wie hier bilden die lebhaften und geistreichen Dialoge das Herzstück des Films. Selbst, wenn die Unterhaltung droht, sich im Wald der abgedroschenen Kalendersprüche zu verirren, lässt Weingartner das Jan alias Anton Spieker dankenswerterweise ironisch kommentieren: 

Da kann ich mir eine Brigitte kaufen. Da steht das auch drin.

Jan

Die philosophischen Fragen, über die sich Jule und Jan auslassen, stelle sich irgendwann jeder bzw. jede im Leben. Er selbst habe dies als Student auch so wahrgenommen, meint Weingartner.

Das ist genau in diesem Alter die große Frage. Die Grundlage dieser Entscheidung, was du mit deinem Leben machst, ist auch zu verstehen: Wie funktioniert dieses System? Was will das System von mir? Der Kapitalismus. Lass ich mich ein auf diese riesige Casting-Show, die es inzwischen geworden ist. Wettbewerb, sich durchsetzen, der Beste gewinnt und der Rest bleibt auf der Strecke. Das Krasse ist, wenn du darüber nachdenkst: Eigentlich haben wir alle keinen Bock mehr auf das System. Aber alle machen mit, weil keiner weiß, wie er herauskommt aus der Mühle. Vielleicht hilft es, dass der Film versucht das nochmal bewusst zu machen.

Hans Weingartner

Das vollständige mephisto976-Interview mit Regisseur Hans Weingartner zum Nachhören:

Kinoredakteurin Karen Müller im Gespräch mit "303"-Regisseur Hans Weingartner.
303 Interview

Wunderbarer Stimmungsaufheller 

Im aktuellen Sommer-Blockbuster-Getöse nimmt Weingartners glücksbringendes Roadmovie eine Ausnahmestellung ein: „303“ ist nicht nur was für’s Herz und die Lachmuskeln, sondern regt auch zum Mitdenken und -diskutieren an. Wer danach nicht in perfekter Urlaubsstimmung oder schlecht gelaunt ist, der hat im Kino wohl lieber Tinder seine Aufmerksamkeit geschenkt.

Wer nun Lust verspürt, selbst die 3.000 km Strecke von Berlin nach Portugal abzufahren, kann HIER die genaue Reiseroute nachlesen und nachfolgend in den "303"-Folk-Soundtrack reinhören. Gute Fahrt!  

 
 

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Karen Müller
30.07.2018 - 10:12
  Kultur

303

Kinostart: 19.07.2018

Laufzeit: 145 Minuten

Regie: Hans Weingartner

Cast: Anton Spieker, Mala Emde

FSK: 12